Der junge Anwalt las diesen Brief mit einer Empfindung, die ihm im Augenblick noch unklar war. Er spürte nur, daß ihn der Inhalt unruhig machte.

Seitdem Justizrat Weißgerber ihm von Eva von Ostrieds schwerer Enttäuschung bei dem Tode der Präsidentin gesagt, ihre Verzweiflung und Kämpfe geschildert, brachte er die Frage nicht mehr zum Schweigen, woher sie nun doch gleich darauf das Geld zu weiteren Studien genommen haben könnte... Ihre Schönheit wirkte, auch in der Erinnerung, in alter Stärke auf ihn. Er empfand sie als das Vollendetste, das er jemals gesehen hatte. Wie er, würden auch andere fühlen. Und ihr Bild trat ganz scharf vor ihn hin. Er sah wieder ihr Erröten – den Glanz ihrer großen, sprechenden Augen und fühlte das leise Beben ihrer Hand in der seinen, und seine Unruhe wurde zur heißen Sehnsucht nach ihr! Aber nach üblichen Begriffen kannten sie einander ja kaum!

Gestern war ihr Herr Alois Sendelhubers erneuter Bescheid zugestellt. Walter Wullenweber hatte schließlich doch kurzweg einen Entschädigungsanspruch in jeder Höhe abgelehnt und ihr, bei einem Beharren seiner Forderung, auf den Weg der Klage verwiesen. Darauf hatte sich der schlaue Agent, der sich Eva von Ostrieds ihm besonders wertvoll dünkende Kundschaft auf keinen Fall verscherzen wollte, zur postwendenden „ausnahmsweisen“ Lösung des Vertrages – bezüglich des strittigen neunten Novembers – verstanden. Somit war diese Angelegenheit erledigt und nichts stand mehr aus, als die Entrichtung der entstandenen Unkosten von Seiten der Anwälte, die der Justizrat Weißgerber, nach Kenntnis der Angelegenheit, jedoch unberechnet zu lassen wünschte. Das schwache Fädchen, an dem er sie gehalten, war damit zerrissen.

Sie aber nie wiederzusehen, erschien Walter unmöglich. Er setzte sich an den Flügel und versuchte die kleinen Lieder zu spielen, die ihm sehr einsame und verzagte Stunden einst als Tröster geschenkt hatten. Seine Sinne blieben nicht bei den Tönen. Sie irrten ab und verlangten nach dem Leben.

Die alte Pauline brachte einen Brief herein. Sie verweilte noch wenig im Zimmer, wie sie das auch bei der Präsidentin getan hatte.

„Herr Rechtsanwalt, ich hab’ neulich nun doch unserm Fräulein geschrieben.“ Für sie stand Eva von Ostried längst wieder in der Gegenwart genau wie einst. Er hielt die Blicke beharrlich gesenkt, als könne sie sonst seine Gedanken lesen.

„Was hatten Sie ihr denn Wichtiges mitzuteilen, Pauline?“

„Nun, wie es mir indessen gegangen is und wie gut ich es auch wieder bei Ihnen habe.“

„Das wird nicht alles gewesen sein, obschon es, was meine Person anlangt, bereits zu viel ist,“ sagte er mechanisch und sah interesselos auf den Brief.