Der geöffnete Brief zeigte eine siebenzackige Krone über einem Adler, der ein Lamm in seinen Horst schleppte. Der Waldsruher Majoratsherr brachte darunter seine Wünsche zum Ausdruck.

Die Zeilen waren liebenswürdig abgefaßt. Hinter dem Auftrage, der die Abänderung und teilweise Erweiterung der Familienstatuten erbat, zeigte sich die Verheißung zur Rechtvertretung bei einem Zivilprozeß über ein erhebliches Objekt. Daß der darin Beklagte dem jungen Anwalt als ein minderwertiger Aufkäufer alter Waldbestände bekannt war, hätte ihm das in Aussicht Gestellte nur angenehm machen müssen. Trotzdem regte sich ein Gefühl des Widerwillens gegen den ihm bis heute unbekannt gebliebenen Auftraggeber.

In diesem Augenblick war er unfähig zu jeder klaren, nüchternen Erwägung. Erst ein wenig später glaubte er zu wissen, daß ein Mädchen mit der Vergangenheit Eva von Ostrieds unmöglich dem in jeder Beziehung verwöhnten Geschmack dieses adelsstolzen, schwerreichen Witwers genügen könne.

Vergangenheit! – Wie kam er dazu, dies zweideutige Wort mit ihr in Verbindung zu bringen? Dem elenden Klatsch eines natürlich sehr gegen seinen Willen entlassenen Mädchens auch nur den geringsten Glauben zu schenken?

Ihn verlangte nach einer Aussprache mit ihr. Es konnte sie unmöglich vorbereitungslos treffen! Seine Blicke würden ihr längst alles verraten haben.

Er legte Feder und Papier zurecht und schrieb.

Zuerst malte er ihr das Bild seiner Eltern. Dann ging er zu dem über, was ihm leicht von der Feder ging.

„Als ich Sie sah, wußte ich sofort, daß die Stunde meines Glückes da war. Ich zweifelte nicht. Das kam erst später. Sie fühlten alles. Ich merkte es und war sehr froh darüber. Schon als Sie mich das erste Mal verließen, lag mir jeder Zweifel fern. Ich war ruhig und dankbar, daß das Glück nicht an mir vorüberging. Unsere zweite Zwiesprache sprengte fast mein Herz vor Seligkeit. Sie hatten unter der Schar der harmlosen Worte jenes Briefes nach einem Laut gesucht, der Ihnen mehr verriet.

Darum durfte ich Ihnen auch schon jetzt meine Liebe zeigen. Sie widerstrebten nicht. Mein Herz lag in ihrer Hand.

Nun folgten wunderliche Tage. Zuerst Stunden, die ich um jeden Preis auskosten wollte, so schön und unvergleichlich waren sie. Bis eines Tages mein wildes Verlangen sie unerträglich schalt.