Gretchen Müller saß allein im Zimmer und hielt Rückerinnerungen. Ihre seltsam aufregende Kindheit baute sich leuchtend klar vor ihr auf: Der Vater, der sie, wenn er bei guter Laune war, mit Schmeichelnamen und Süßigkeiten überschüttete – dem sie zuweilen noch am späten Abend einen Brief ganz heimlich forttragen oder aus dem feinen Geschäft an der nächsten Ecke eine Flasche Wein besorgen mußte, streichelte ihr anerkennend das weiche Gesichtchen. Der Bruder, der dauernd über ihr und allen Ausgängen wachte, erschien ihr trotz des unaufhörlich zwischen ihnen bestehenden Kampfes als der Stab, der sie stützte und leitete. Wenn sie abends in ihrem Bettchen lag und die Hände zu dem von ihm gelehrten Gebet faltete, dachte sie seiner als letzten Gedanken.
Er half bereits von der Tertia an für den Haushalt mit zu verdienen. Eine Anzahl Jungen, kaum älter als sie selbst, waren ins Haus gekommen. Ihnen allen hatte er mit nie versagendem Eifer in schwachen Fächern nachgeholfen. Zuweilen fiel von diesen Einnahmen eine Kleinigkeit für sie ab. Ein gutes Buch oder ein Blumenzwiebelchen, dessen Entwicklung sie eifrig zu überwachen hatte. Immer wieder hatte sie seiner gedenken müssen.
Ihres Vaters, der sie bis auf das letzte unerhörte Quälen, das sie schließlich dem Verführer in die Arme getrieben, nur immer verwöhnte und bewunderte, gedachte sie längst als eines armen Verirrten, der auch seinen eigenen, richtigen Weg niemals erkannte.
Und jetzt sollte sie – vielleicht sehr bald – sterben, ohne dem Bruder gedankt, seine Vergebung erfleht und ohne ihn vor allem auf die Straße zu seinem Glücke geführt zu haben! Bisher war sie sicher gewesen, daß der Tod, wenn er endlich käme, von ihr als heißersehnter Erlöser empfunden werde.
Seit Tagen grübelte sie unaufhörlich! Sie suchte allein zu sein, denn sie wollte ungestört bleiben, um nur zu einem vernünftigen Entschluß zu kommen.
Da klopfte es. – Zuerst wollte sie nicht öffnen. Schließlich tat sie es, vor der Tür stand nur die schwächliche Sechszehnjährige des Hausmeisters.
„Ich brauche Sie heute nicht,“ sagte Gretchen Müller leise und enttäuscht.
„Fräulein von Ostried hat mir heute eine feine Ansichtskarte von Dresden geschrieben,“ erzählte Jene wichtig. „Ich soll alle Tage raufgehen und mich ja nicht von Ihnen wegschicken lassen. Sie hätte so viel Angst um Sie und darum gar keine rechte Ruhe.“
Gretchen Müller hatte sich nachdenklich an das Fenster neben Eva von Ostrieds Schreibtisch gesetzt. Es gab wirklich jemand, der sich um sie sorgte? Wie schön das war! Sie hätte es eigentlich nach aller empfangenen Güte wissen und daher keinen Augenblick vergessen dürfen.
„Sie sollen auch ordentlich essen und trinken,“ tuschelte die Sechszehnjährige geheimnisvoll, indem sie auf einen freien Winkel neben dem Schreibtisch zeigte. „Da in der Ecke stände was ganz Feines für Sie, wenn Sie es noch nicht gefunden haben sollten.“