Aber nun geht der Doktor da draußen auf und ab und scheint ihm aufzulauern.
Der Doktor unterhält sich gewiß nicht gut, er wirft nur ab und zu ein Wort ein, hauptsächlich wenn ihnen jemand begegnet, wo er sich wichtig machen will, da richtet er eine richtige Frage an den Postmeister. Wenn Oliver etwas davon verstanden hätte, wäre folgendes Gespräch gewiß nützlich für ihn gewesen.
„Ja, es war wegen der Nachkommenschaft. Sie haben nicht darauf geantwortet.”
„Ich bin wohl nicht ganz verständlich gewesen,” sagt der Postmeister. „Ist es nicht so, daß sich die Eltern, wenn ihre Kinder groß geworden sind, weiter nicht mehr besonders um sie kümmern, sondern wieder mehr um deren Kinder, die Enkel? Dies würde auf einen in den Menschen niedergelegten Keim deuten, auf die endlose Fortsetzung.”
„Andererseits, ist es nicht ein wenig sorglos von diesem in den Menschen niedergelegten Keim, unaufhörlich Kinder gebären zu lassen, zum ärmlichsten Dasein, zu Schande und Untergang? Wenn sie wenigstens alle in guten Heimstätten geboren würden!”
„Ich weiß nicht, ob die Frage so gestellt werden kann,” erwidert der Postmeister. „Es kann ja sein, daß man zu dem Schicksal geboren wird, das man sich in früheren Erdenleben verdient hat. Es gibt etwas, was auch darauf hinweist: manche Kinder werden in den besten Häusern erzogen und mißraten, andere Kinder kommen in verkommenen Heimstätten zur Welt und werden prächtige Menschen, sie erziehen sich selbst. Auch hier in der Stadt ist wohl kein Mangel an solchen Beispielen. Das Leben ist eine Vermengung, ein einziger Wirrwarr von solchen Fällen, unsere Logik reicht nicht hin, sie zu erklären.”
„Doch lassen wir die Logik walten, sonst wird ja alles leeres Geschwätz, entschuldigen Sie! Jetzt eben haben Sie gesagt, daß Kinder aus den besten Familien mißraten können. Ganz richtig. Und zugleich sollen sie sich in früheren Erdenleben ihr Schicksal verdient haben. Dann hätten sie sich doch hinaufgedient und verdient, in besseren Familien geboren zu werden. So meinen Sie es doch wohl?”
„Warum nicht? Es ist ja nicht gesagt, daß eine gute Familie und zeitliches Wohlergehen das beste, daß ein Leben ohne Qualen das beste sei. Sehen wir nach der andern Seite; manche können durch Leiden geradezu aufrecht erhalten und ernährt werden, sie können ihr Glück im Leiden finden.”
Der Doktor konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken, es war schwer, hier auf und ab zu gehen und höflich zu sein, seinem eigenen Besten gerade entgegen. Er sah auf seine Uhr, drehte jäh wieder nach Davidsens Haus um und machte ein paar rasende Schritte; aber der Postmeister ging mit. Als sie wieder zurückkamen, hatte das Gespräch eine andere Wendung genommen, der Postmeister hält jetzt eine soziale Rede.
„Natürlich ist es der arbeitende Mittelstand, der das Leben am Aussterben verhindert, ich begreife nicht, wie da jemand widersprechen kann. Es ist nicht nur die Masse, obgleich sie es ist, die sagt: wir Arbeiter! O, die Masse, sie hat die Kunstgriffe gelernt, sie kann ihr Radaublatt lesen und hat den Gedankeninhalt bekommen, den sie braucht. Wir Arbeiter! Ist damit der Bauer, der Fischer gemeint? Nicht wahr, damit ist niemand anders gemeint, als der Industriearbeiter? Er ist der, der so laut schreit. Erinnern Sie sich, Herr Doktor, daß Sie und ich eine Zeit erlebt haben, wo es keine Industriearbeiter bei uns gegeben hat, wo aber jedes Haus seine Industrie hatte? Das Leben war damals nicht so ausgefüllt, daß wir nicht noch Zeit hatten, den Sonntag zu feiern, die Lebensweise war einfacher, die Zufriedenheit größer. Dann bekam die Mechanik die Herrschaft, die Massenproduktion nahm ihren Anfang, der Industriearbeiter erstand — zum Vorteil und zur Freude von wem? Für den Fabrikanten, für den Arbeitsherrn, für niemand anders. Er wollte mehr Geld verdienen, er und sein Haus wollten größeren irdischen Luxus genießen, er glaubte nicht, daß er sterben müsse —”