Eduard gibt ihm die Pfeife zurück, und Olaus soll anzünden.
Jetzt gehen die Jungen zehn Schritt weit weg und betrachten ein Pferd, das dort an einem Pfahl angebunden ist. Es war etwas Besonderes an diesem Tier, es sah ganz genau aus wie ein Pferd, war braun, und im ganzen genommen war durchaus nichts an ihm auszusetzen, aber die Jungen redeten eifrig hin und her über das Pferd und gaben ihre Meinung darüber kund. Plötzlich erhebt sich ein Zischen, um Olaus steigt eine Lohe empor, und die Jungen sehen ihn einen Satz machen. Dann aber schien ihnen plötzlich etwas anderes höchst Merkwürdiges in einem anderen Teile der Stadt einzufallen, das sie eiligst betrachten mußten. Aber sie hörten hinter sich rasende Zurufe: werde euch „einholen” und „wartet nur!” Abel trug leider große Schaftstiefel und wäre im Anfang wirklich fast eingeholt worden.
Dies war nicht der letzte lose Streich der beiden Kameraden, und ebenso waren sie nicht zum letztenmal auf den Fischfang hinausgefahren; es dauerte nicht lange, da bekamen sie ordentliche Angelschnüre und durften mit Olivers voller Erlaubnis das Boot benützen. Die Sonntage waren gute Tage für die Jungen; da es zwischen ihnen keine religiösen Meinungsverschiedenheiten gab, waren sie ohne weiteres bereit, an den Sonntagen zu fischen, wo das Boot vom Morgen bis zum Abend unbenutzt war. Jeder von ihnen konnte mit einem kleinen Bündel Fische heimkommen, ja wahrhaftig! Die Fische loszuwerden, war keine Sache, ach nein, bei Doktors bekommen sie nicht nur den verlangten Preis, sondern auch noch ein wenig darüber, weil die Jungen den Doktor der Familie Johnsen am Landungsplatz, mit der sie unleugbar auf feindlichem Fuß standen, vorzogen. Bisweilen bekamen sie auch ein herrliches Butterbrot, das beste, was ihnen nach achtstündigem Fasten geboten werden konnte. In der Küche des Doktors wurden sie allerdings wohl auch gefragt, ob sie Erlaubnis hätten, zu fischen, während die Leute in der Kirche seien; aber sie schienen mit dem Leben der Gemeinde in der Stadt nicht genau bekannt zu sein.
Das waren frohe, reiche Tage! Unbändige Wildfänge und unverschämte Bengel in verschiedenartiger Tätigkeit! Den ganzen Tag hindurch hell wach und auch im Schlafe voller Erlebnisse. Hatte Abel etwas Träumerisches und zeigte er eine gewisse Würde? O, keine Spur! Ein Eichhörnchen, so klein und blitzschnell, o ein Wildfang, alle seine Glieder in beständiger Bewegung. Man sah ihn gleichzeitig droben bei der Kirche und drunten am Fjord, er ging nicht, wenn irgendeine Gelegenheit zum Laufen da war, er hatte es immer eilig, seine großen Stiefel dröhnten auf der Straße. So war er. Eduard war auch kein gebrechlicher Bursche, aber er war älter und hatte die Verantwortung, außerdem bekam er immer daheim genug zu essen und hatte deshalb einen runderen Körper. Seine Wohlgenährtheit war ihm aber durchaus nicht im Wege, er konnte merkwürdig beweglich sein, wenn der Apotheker in seinen Garten herausstürmte und schrie: „Beim Satan, was tust du da droben auf dem Apfelbaum?” Als Eduard im Ernst in eine Schule ging, nahm er etwas ab, aber doch nicht so, daß es etwas getan hatte; da war eher Abel der, der den Nachteil davon hatte; Abel war nun ein recht einsamer, magerer Bursche. Aus alter Gewohnheit trieb er sich noch immer bei dem Fischer Jörgen herum, und dort war vor ein paar Jahren ein drittes Mädelchen angekommen, mit dem er bisweilen spielte; aber den Eduard, seinen männlichen Freund, den konnte das kleine Ding doch nicht ersetzen, nein, weit entfernt! Sie hieß Lydia, wie ihre Mutter, Klein-Lydia also, war für ein Mädel ganz unterhaltend und schon recht, aber doch unangenehm mit ihrem Geschrei für nichts und wieder nichts.
Ja, Abel war einsam geworden, sein Bruder Frank ging auch in die Schule und war seiner Lebtage viel zu gelehrt und zu selbstbewußt für Abel gewesen, sie hatten nie so recht zusammengehalten. Sie stimmten in ihren Lebensanschauungen schlecht überein; was die Fischerei für den einen war, bedeutete für den andern Bücher und Zeitungen und feine Sachen; Frank ging schon vor dem schulpflichtigen Alter in die Schule und war ein großes Licht. Er sollte Telegraphist oder Bankbeamter werden; der Ehrgeiz der Mutter ging darauf aus, daß Frank unter bessere Kinder in die höhere Schule käme und alles mögliche lerne. Jedermann hat seinen Ehrgeiz; sollte also nicht auch Lydia, die Frau des Fischer Jörgen, den ihrigen haben? Jawohl, und was noch schlimmer war, ihr Ehrgeiz war Torheit, und die Stadt lachte darüber: sie meldete ihre Kinder für die Tanzstunde an. Natürlich wollte Lydia da weit über ihren Stand hinaus.
Es führte auch nur dazu, daß Henriksens auf der Werft, die Zollinspektorfamilie und Frau Johnsen am Landungsplatz sich veranlaßt sahen, ihre Kinder von der Tanzstunde zurückzuziehen — nein, nicht wegen der Fischerskinder, o durchaus nicht, aber weil zum Beispiel Fia Johnsen Bleichsucht bekommen hatte und so mager und aufgeschossen war, daß sie einem ganz leid tat. Es war Politik in der Sache. Die arme, zugereiste Tanzlehrerin rang die Hände und grübelte über den Fall nach, hier stand sehr viel auf dem Spiel; endlich fand sie einen Ausweg. Der erste Kurs war ja vollzählig — daß sie das nicht begriffen hatte! — aber sie wollte noch einen halten, die Nachfrage war so unerwartet groß gewesen, ja, sie müsse vielleicht noch zwei Kurse einrichten. Da war doch wohl alles in Ordnung!
Und nun nahm das Tanzen im Ort einen bemerkenswerten Aufschwung; über Lydia lachte jetzt keine von den Frauen mehr, die Kinder strömten herbei. Wenn Lydias Kinder dabei waren, warum sollten dann nicht auch die Kinder des Böttchers und die des Barbiers Holte dabei sein? Noch niemals hatte die Tanzlehrerin so in die Hände geklatscht, sie hatte eine Freude fürs ganze Leben und hatte die Tanzpolitik gelernt. Auch Eduard war angemeldet, auch Frank war angemeldet, weil sein Vater Oliver zurzeit dem Fischfang oblag und Geld verdiente. „Jawohl, Frank,” sagte Oliver, „du sollst alles lernen, was gelernt werden kann!” Aber was Eduard betrifft, so ging er ein einziges Mal in die Tanzstunde, dann kam er zu Abel und bat ihn, doch hinzugehen und für ihn zu tanzen. O ja, Abel wollte dem Kameraden gerne den Gefallen tun; da er aber nicht danach angezogen war und sich auch nicht gewaschen hatte, wurde er glatt zurückgewiesen; auf diese Weise wurden alle beide frei.