An den folgenden Abenden, gegen acht Uhr, wenn das Gas schon angezündet war, geschah mir regelmäßig folgendes:
So oft ich aus dem Torweg herauskomme, um mich nach des Tages Mühe und Beschwer auf einen kleinen Spaziergang durch die Straßen zu begeben, steht immer eine schwarzgekleidete Dame an dem Laternenpfahl gleich vor dem Tor und wendet mir das Gesicht zu, folgt mir mit den Augen, wenn ich an ihr vorbeikomme. Ich beobachte, daß sie beständig dasselbe Kleid anhat, den gleichen dichten Schleier, der ihr Gesicht verbirgt und über ihre Brust herunterfällt, und daß sie einen kleinen Schirm mit einem Elfenbeinring am Griff in der Hand trägt.
Drei Abende nacheinander hatte ich sie nun schon hier gesehen, immer an derselben Stelle. Sowie ich an ihr vorbeigekommen bin, dreht sie sich langsam um und geht die Straße hinunter, von mir fort.
Mein nervöses Gehirn streckte seine Fühlhörner aus, und mir kam sofort der unsinnige Gedanke, daß ihre Besuche mir galten. Ich war zuletzt fast im Begriff, sie anzusprechen, sie zu fragen, ob sie jemand suche, ob sie irgendeine Hilfe brauche, ob ich sie heimbegleiten, sie, so schlecht gekleidet, wie ich leider sei, in den dunklen Straßen beschützen solle. Aber ich hatte eine unbestimmte Furcht davor, daß es vielleicht Geld kosten könnte, ein Glas Wein, eine Wagenfahrt, und ich hatte gar kein Geld mehr; meine trostlos leeren Taschen wirkten allzu niederschlagend auf mich. Ich hatte nicht einmal den Mut, sie ein wenig forschend anzusehen, wenn ich vorbeiging. Der Hunger hauste schon wieder bei mir, seit dem vorhergegangenen Abend hatte ich nichts gegessen; — das war allerdings noch keine lange Zeit, ich hatte es oft mehrere Tage lang aushalten können, aber ich ließ bedenklich nach, ich konnte gar nicht mehr so gut hungern wie früher, ein einziger Tag konnte mich betäuben, und ich litt an häufigem Erbrechen, sobald ich Wasser trank. Dazu kam, daß ich in den Nächten dalag und fror, in allen Kleidern, wie ich tagsüber ging und stand, und vor Kälte blau wurde. Daß mich jeden Abend Frostschauer durcheisten und ich im Schlaf erstarrte. Die alte Decke konnte die Zugluft nicht abhalten, ich erwachte am Morgen davon, daß mir die Nase durch die scharfe Reifluft, die von außen zu mir hereindrang, zugeschwollen war.
Ich gehe durch die Straßen und denke darüber nach, wie ich es anstellen könnte, mich aufrecht zu halten, bis ich meinen nächsten Artikel fertig hätte. Wenn ich nur eine Kerze besäße, würde ich versuchen, bis in die Nacht hinein loszulegen. Es würde ein paar Stunden dauern, falls ich nur erst richtig in Schwung käme; morgen könnte ich mich dann wieder an den „Kommandeur” wenden.
Ohne weiteres gehe ich ins Oplandske und suche meinen jungen Bekannten von der Bank, um mir zehn Öre für eine Kerze zu verschaffen. Man ließ mich ungehindert durch alle Zimmer gehen. Ich kam an einem Dutzend Tische vorbei, an denen plaudernde Gäste saßen und aßen und tranken, ich drang bis zum Ende des Cafés vor, bis in das Rote Zimmer, ohne meinen Mann zu finden. Flau und ärgerlich verzog ich mich wieder auf die Straße und ging in der Richtung zum Schlosse weiter.
War es nun nicht auch um zum Teufel zu fahren, daß meine Widerstände kein Ende nehmen wollten! Mit langen wütenden Schritten, den Rockkragen brutal in den Nacken heraufgeschlagen und die Hände in den Hosentaschen geballt, ging ich und schimpfte während des ganzen Weges auf meinen unglücklichen Stern. Seit sieben, acht Monaten nicht eine einzige wirklich sorgenfreie Stunde, keine einzige kurze Woche das nötigste Essen, — nun zwang die Not mich abermals auf die Knie. Bei alledem war ich tätig gewesen und mitten in allem Elend ehrlich geblieben, ehrlich, hehe, bis zum alleräußersten! Gott bewahre mich, wie närrisch war ich gewesen! Und ich erzählte mir selbst, wie ich sogar ein schlechtes Gewissen gehabt hatte, weil ich einmal Hans Paulis Decke versetzen wollte. Ich lachte höhnisch über meine zarte Rechtschaffenheit, spuckte verächtlich auf die Straße und fand kein Wort, das stark genug war, mich wegen meiner eigenen Dummheit zum Narren zu halten. Das sollte nur jetzt sein! Fände ich in diesem Augenblick den Sparpfennig eines Schulmädchens auf der Straße, den einzigen Ör einer armen Witwe, ich würde ihn aufheben und ihn in die Tasche stecken, ihn mit bestem Gewissen stehlen und danach die ganze Nacht wie ein Stein schlafen. Nicht umsonst hatte ich für nichts und wieder nichts so unsäglich viel gelitten, meine Geduld war zu Ende, ich war zu allem bereit, was es auch sein mochte.
Ich ging drei, vier Mal ums Schloß, faßte darauf den Entschluß, heimzugehen, machte noch einen kleinen Abstecher in den Park und nahm endlich den Weg durch die Karl Johanstraße zurück.
Es war ungefähr elf Uhr. Die Straße war ziemlich dunkel und überall wanderten Menschen umher, stille Paare und lärmende Scharen. Die große Stunde war da, die Paarungszeit, in der geheime Dinge geschehen und die frohen Abenteuer beginnen. Raschelnde Mädchenröcke, das eine und andere kurze sinnliche Lachen, wogende Brüste, heftige, keuchende Atemzüge; weit unten beim Grand ruft eine Stimme: Emma! Die ganze Straße war ein Sumpf, aus dem heiße Dämpfe aufstiegen.
Unwillkürlich durchsuche ich meine Taschen nach zwei Kronen. Die Leidenschaft, die in jeder Bewegung der Vorübergehenden zittert, sogar das dunkle Licht der Gaslaternen, die stille, schwangere Nacht, alles zusammen beginnt mich anzupacken, diese Luft, die erfüllt ist von Flüstern, Umarmungen, bebenden Geständnissen, halb ausgesprochenen Worten, kleinen Seufzern. Einige Katzen lieben sich mit hohen Schreien im Tor von Blomquist. Und ich hatte keine zwei Kronen! Es war ein Jammer, ein Elend ohnegleichen, so verarmt zu sein! Welche Demütigung, welche Entehrung! Und wieder fällt mir das letzte Scherflein der armen Witwe ein, das ich gestohlen hätte, die Mütze oder das Taschentuch eines Schulknaben, eines Bettlers Brotsack, die ich ohne Umstände zum Lumpensammler gebracht und den Erlös dann verpraßt hätte. Um mich zu trösten und mich schadlos zu halten, fing ich an, an diesen frohen Menschen, die an mir vorbeiglitten, alle möglichen Fehler aufzusuchen, ich zuckte zornig mit den Schultern und sah sie geringschätzig an, wie sie, Paar auf Paar, an mir vorbeizogen. Diese genügsamen, Süßigkeiten naschenden Studenten, die glaubten, europäisch ausschweifend zu sein, wenn sie einem Nähmädchen auf die Brust patschten! Diese Stutzer, Bankleute, Großhändler, Boulevardlöwen! Nicht einmal die Seemannsfrauen und dicken Weiber vom Kutorv, die für ein Seidel Bier im ersten besten Torweg umfielen, verschmähten sie! Welche Sirenen! Der Platz an ihrer Seite war noch warm von der vergangenen Nacht, die sie mit einem Feuerwehrmann oder mit einem Stallknecht verbracht hatten, der Thron war immer frei, gleich weit geöffnet, bitte sehr, steigen Sie hinauf!.... Ich spuckte weit über das Pflaster, ohne mich darum zu kümmern, ob ich jemand treffen könnte, war wütend, erfüllt von Verachtung für diese Menschen, die sich aneinander rieben und sich vor meinen Augen paarten. Ich erhob den Kopf und fühlte mich erhaben und gesegnet, weil ich auf reinen Wegen wandeln durfte.