Nein, faß ihn nicht an! sagte Inger. Denn du hast gewiß Harz an den Händen, sagte sie. — Ich, Harz an den Händen? Du bist wohl verrückt! erwiderte Isak. Seit das Haus fertig geworden ist, habe ich kein Harz mehr an den Händen gehabt. Gib den Jungen her, dann will ich ihn in Schlaf wiegen! — Nein, jetzt ist er gleich still ...
Im Mai kommt eine fremde Frauensperson übers Gebirge zu der einsamen Ansiedlung; sie ist eine Verwandte von Inger und wird gut aufgenommen. Sie sagt: Ich wollte nur sehen, wie es Goldhorn geht, seit sie von uns fortgekommen ist! — Die Leute fragen nicht viel nach dir, nach so einem kleinen Kerl, flüstert Inger betrübt dem Kinde zu. — Ach, er — nun das seh ich ja, wie es ihm geht. Es ist ein prächtiger Junge, das seh ich! Und wenn mir jemand das vor einem Jahr gesagt hätte, daß ich dich hier wiederfinden würde, Inger, mit Mann und Kind und Haus und allem übrigen! — Von mir sollst du nicht reden, das ist nicht der Mühe wert. Aber da ist nun er, der mich so genommen hat, wie ich war! — Seid ihr getraut? So, ihr seid noch nicht getraut? — Aber wir werden jetzt sehen, wenn der Kleine getauft wird, sagt Inger. Wir haben uns schon trauen lassen wollen, aber es hat sich nicht einrichten lassen. Was sagst du dazu, Isak? — Ja, trauen lassen — versteht sich. — Kannst du nicht nach der Heuernte hierherkommen, Oline, und das Vieh versorgen, während wir die Reise machen? fragte Inger. — O doch, das versprach der Besuch. — Wir werden dich dafür schadlos halten. — Ja, das wisse sie wohl ... Und nun wollt ihr noch weiter bauen, sehe ich. Was baut ihr denn? Habt ihr noch nicht genug? — Inger schüttelt den Kopf und sagt: Ja, frag du ihn, ich bekomme es nicht zu wissen. — Was ich baue? sagt Isak, es ist nicht der Rede wert. Einen kleinen Schuppen, für den Fall, daß ich einen brauche. Aber du hast ja nach Goldhorn gefragt, willst du sie sehen? fragt er den Gast.
Sie gehen in den Stall, Kuh und Kalb werden gezeigt. Der Stier ist ein prächtiges Stück Vieh, der Gast nickt wohlgefällig über das Vieh und den Stall, sagt, sie seien von bester Art, und die ausgesuchte Reinlichkeit, die sei großartig. Ich stehe bei Inger für alles ein, was gute und erfahrene Behandlung der Tiere betrifft, sagte die Verwandte.
Isak fragt: So, also die Kuh Goldhorn ist vorher bei dir gewesen? — Ja, von ihrer Geburt an! Ja, nicht gerade bei mir, sondern bei meinem Sohn; aber das ist dasselbe. Wir haben sogar noch ihre Mutter in unserm Stall!
Isak hatte seit langer Zeit keine angenehmere Botschaft gehört, und ein Stein fiel ihm vom Herzen, jetzt war Goldhorn mit Recht seine und Ingers Kuh. Um die Wahrheit zu sagen, so hatte er sich halb und halb den traurigen Ausweg aus seiner Ungewißheit ausgedacht gehabt, Goldhorn im Herbst zu schlachten, die Haare von der Haut zu schaben, die Hörner in der Erde zu vergraben und so jegliche Spur von der Kuh Goldhorn zu vertilgen. Jetzt war dies unnötig. Er wurde so stolz auf Inger, daß er sagte: Reinlich? Ja, so wie sie gibt es keine mehr. Es muß mir wahrhaftig vorher bestimmt gewesen sein, daß ich eine vermögliche Frau bekommen sollte! — Das war nicht anders zu erwarten! sagt die Verwandte.
Diese Frau von jenseits des Gebirges, eine freundliche Person mit wohlgesetzter Rede, ein verständiges Menschenkind namens Oline, sie blieb nur ein paar Tage da und schlief in der Kammer nebenan. Als sie wieder fortging, bekam sie etwas Wolle von Ingers Schafen, die sie jedoch, einerlei aus welchem Grunde, vor Isak verbarg.
Das Kind, Isak und die Frau — die Welt wurde dann wieder dieselbe, tägliche Arbeit, viele kleine und große Freuden, Goldhorn gab reichlich Milch, die Ziegen hatten junge Zicklein und gaben auch reichlich Milch, Inger verfertigte eine Reihe weißer und roter Käse und stellte sie zum Reifen auf. Ihr Plan war, so viele Käslaibe herzustellen, daß sie sich einen Webstuhl dafür kaufen konnte — o diese Inger, sie konnte weben!
Und Isak baute einen Schuppen, auch er hatte wohl einen Plan. Er errichtete den neuen Anbau an die Gamme mit einer doppelten Bretterwand, machte eine Tür hinein und ein nettes kleines Fenster mit vier Scheiben; dann legte er vorläufig ein Notdach darauf und wartete mit der Birkenrinde, bis der Boden auftauen würde und er Wasen ausstechen könnte. Nur das Notwendigste wurde gemacht, kein Bretterboden, keine gehobelten Wände, aber Isak zimmerte einen Stand wie für ein Pferd und machte eine Krippe.
Es war schon Ende Mai, als die Sonne die Hügel aufgetaut hatte und Isak seinen Schuppen mit Wasen decken konnte; nun war das neue Gebäude fertig. Dann eines Morgens aß er eine Mahlzeit, die einen Tag ausreichen konnte, nahm außerdem noch Mundvorrat mit, legte Hacke und Spaten über die Schulter und ging ins Dorf.
Kannst du vier Ellen Zitz mitbringen? rief ihm Inger nach. — Was willst du damit? versetzte Isak.