Es war gerade, als hätte Helge diese Rede seines Vaters mit angehört, denn eben jetzt kam ein Brief von ihm mit einem Geldschein, einem ganzen Fünfzigkronenschein. Und nun fing in der Familie Brede ein Herrenleben an; sie kauften in ihrem Übermut Fisch und Fleisch zum Mittagessen und eine Hängelampe mit Prismen dran in die beste Stube der Herberge.
So verging ein Tag nach dem andern, und was will man mehr? Die Familie Brede lebte weiter, lebte von der Hand in den Mund, aber ohne sich große Sorgen zu machen, und was will man mehr?
Das ist einmal ein seltener Besuch! rief Brede und führte Isak und Eleseus in die Stube mit der Prismenlampe. Aber was sehe ich! Du, Isak, wirst doch nicht verreisen wollen! — Nein, ich habe nur beim Schmied etwas zu besorgen. — So, dann ist es wohl Eleseus, der wieder seine Reise in die Städte antritt?
Eleseus ist an das Leben in Gasthäusern gewöhnt, er macht sich's bequem, hängt seinen Überzieher und seinen Stock auf und verlangt Kaffee. Etwas zu essen hat der Vater mit. Katrine kommt mit Kaffee. — Nein, ihr dürft nichts bezahlen, erklärt Brede. Ich bin schon sooft in Sellanraa bewirtet worden, und bei Eleseus stehe ich auch im Schuldbuch. Du nimmst keine Öre, Katrine! — Aber Eleseus bezahlt, er zieht den Beutel und bezahlt und gibt noch zwanzig Öre Trinkgeld. Nichts da! Kein Geschwätz!
Isak geht zum Schmied, und Eleseus setzt sich wieder.
Mit Katrine spricht er das Notwendigste, aber nicht mehr, er unterhält sich lieber mit ihrem Vater. Nein, Eleseus macht sich nichts aus den Mädchen, er ist einmal von ihnen schlecht behandelt worden, und jetzt will er nichts mehr von ihnen wissen. Vielleicht hat er überhaupt nie einen Liebesdrang gehabt, der der Rede wert gewesen wäre, da er sich gar nicht um sie kümmert. Ein wunderbarer Mann im Ödland, ein Herr mit schmächtigen Schreiberhänden und ganz weiblichem Sinn für Putz und Regenschirm und Spazierstock und Gummischuhe. Verschroben, verdreht, ein unverständlicher Junggeselle. Auf einer Oberlippe will nicht einmal ein rechter Bart wachsen. Aber vielleicht hatte dieser Junge einmal gute Anlagen gehabt, war einmal von Natur ordentlich ausgesteuert gewesen, war aber dann in unnatürliche Verhältnisse gekommen und zum Wechselbalg geworden. Ist er so fleißig auf einem Büro und in einem Kaufladen gewesen, daß all seine Ursprünglichkeit verlorengegangen ist? Vielleicht war es so. Jedenfalls ist er nun da, gewandt und leidenschaftslos, etwas schwächlich, etwas gleichgültig, und geht weiter und weiter auf seinem Abweg. Er könnte jeden einzelnen Mann im Ödland beneiden, allein nicht einmal dazu ist er imstande.
Katrine ist daran gewöhnt, mit den Gästen zu scherzen, und nun zieht sie ihn auf, er wolle wohl wieder gen Süden zu seiner Liebsten? — Ich habe andere Dinge im Kopf, erwidert Eleseus. Ich will Geschäfte machen, Verbindungen anknüpfen. — Du mußt besseren Leuten gegenüber nicht so zudringlich sein, Katrine, ermahnt sie ihr Vater. Oh, Brede Olsen ist sehr höflich gegen Eleseus, ganz ungeheuer respektvoll. Das darf er auch wohl sein, es ist klug von ihm, er ist auf Storborg Geld schuldig und steht seinem Gläubiger gegenüber. Und Eleseus? Ho, ihm gefällt diese Höflichkeit, und er ist dafür gut und gnädig. Hochverehrtester! heißt er Brede im Spaß und spielt sich auf. Er spricht davon, daß er wieder seinen Regenschirm vergessen habe. Gerade in dem Augenblick, als wir an Breidablick vorbeifuhren, fiel mir mein Regenschirm ein! — Brede fragt: Ihr werdet wohl heute abend bei unserm kleinen Kaufmann ein Glas Toddy trinken? — Und Eleseus antwortet: Ja, wenn ich allein wäre! Aber ich habe meinen Vater bei mir. — Brede tut ganz behaglich und plaudert weiter: Übermorgen kommt ein Mann hierher, der wieder nach Amerika zurück will. — Ist er zu Besuch daheim gewesen? — Ja. Er ist vom Oberdorf. Er ist eine lange Reihe von Jahren drüben gewesen, aber nun hat er den Winter daheim zugebracht. Sein Koffer ist schon mit einer Fuhre heruntergekommen, das ist ein Riesenkoffer. — Ich hab' auch schon daran gedacht, nach Amerika zu gehen, sagt Eleseus aufrichtig. — Ihr? ruft Brede. Ihr habt das doch nicht nötig. — Ich bliebe wahrscheinlich auch nicht für Zeit und Ewigkeit drüben, ich weiß nicht. Aber ich habe schon so viele Reisen gemacht, da könnte ich auch diese einmal machen. — Gewiß. Und man muß drüben in dem Amerika wüst Geld verdienen. Nehmen wir nur einmal den Mann an, von dem ich vorhin gesprochen habe. Er hat jetzt im Winter droben im Oberdorf ein Weihnachtsvergnügen nach dem andern bezahlt, und wenn er zu mir kommt, so sagt er: Ich will einen ganzen Kessel Kaffee haben und allen Kaffeekuchen, den du hast! Ja, so sagt er. Wollt Ihr seinen Koffer sehen?
Sie gingen in den Gang hinaus und betrachteten den Koffer. Ein wahres Weltwunder, glänzte auf allen Seiten von Metall und Beschlägen, mit drei Schnappschlössern dran, noch außer dem eigentlichen Schloß. — Diebssicher! sagte Brede, wie wenn er den Versuch gemacht hätte.
Sie gingen wieder ins Zimmer hinein, aber Eleseus war still geworden. Dieser Mann aus dem Oberdorf machte ihn völlig zunichte, der trat auf Reisen wie der größte Beamte auf; Brede war augenscheinlich ganz von diesem Menschen erfüllt. Eleseus verlangte noch mehr Kaffee und versuchte auch reich zu tun; er verlangte Kuchen zu seinem Kaffee und fütterte den Hund damit. Ach ja, aber er fühlte sich dennoch gering und niedergeschmettert. Was war sein eigener Koffer diesem Wunderwerk gegenüber? Da stand er, schwarzes Wachstuch, die Ecken verstoßen und weiß geworden, ein Handkoffer — bei Gott, er wollte sich einen prachtvollen Koffer kaufen, wenn er hinunterkam — paßt nur auf! Gebt doch dem Hund nichts! sagte Brede. — Aber Eleseus war wieder ein bißchen Mensch geworden und spielte sich auf. Das ist einmal ein riesig fetter Hund! sagte er.
Von dem einen Gedanken kam er auf den andern, er brach die Unterhaltung mit Brede ab und ging hinaus, ging in den Schuppen zu dem Pferd. Dort machte er den Brief auf, den er in der Tasche hatte. Er hatte ihn nur eingesteckt und nicht nachgesehen, wieviel Geld er enthielt; er hatte solche Briefe von zu Hause schon öfters erhalten, und es waren immer verschiedene Geldscheine darin gewesen, eine Beisteuer zu der Reise. Was war aber jetzt das? Ein großes Stück graues Papier, über und über bemalt von der kleinen Rebekka für ihren lieben Bruder Eleseus, dabei ein Briefchen von der Mutter. Was sonst noch? Nichts mehr. Kein Geld.