Wieder wiegte der Lappe den Kopf hin und her und sagte: Ihr habt Haus und Pferd und Wohlbehagen, kannst du mir sagen, was ihr nicht habt? — Nein, wir können Gott nicht genug danken. — Oline hat mir einen Gruß an dich aufgetragen. — So. Wie geht es ihr? — Es geht. Wo ist dein Mann? — Er ist auf dem Feld draußen. — Es heißt, er habe nicht gekauft! wirft der Lappe hin. — Gekauft? Wer sagt das? — Es heißt so. — Von wem sollte er denn kaufen? Es ist Allmende. — Ja, ja. — Und viele Schweißtropfen hat er in diesen Grund und Boden hineinfallen lassen. — Es heißt, euer Boden gehöre dem Staat.
Inger verstand davon nichts und sagte: Ja, das kann schon sein. Hat etwa sie, die Oline, das gesagt? — Ich erinnere mich nicht, wer es war, antwortete der Lappe, und er ließ seine unsteten Augen in allen Richtungen umherschweifen. Inger wunderte sich darüber, daß er nicht um etwas bettelte, das tat Os-Anders sonst immer, alle Lappen betteln. Os-Anders aber sitzt ruhig da, stopft seine kurze Kreidepfeife und zündet sie an. Das ist eine Pfeife! Er raucht und pafft so, daß sein ganzes runzliges Gesicht aussieht wie ein Rindenstück. — Ja, ich brauche nicht zu fragen, ob das deine Kinder sind, sagte er noch schmeichlerischer. Denn sie sind dir so ähnlich. Genau so nett wie du selbst, als du klein warst.
Inger, die eine Mißgeburt und ein Auswurf gewesen war — natürlich war es verkehrt, aber ihr Herz schwoll doch vor Stolz. Selbst ein Lappe kann ein Mutterherz froh machen. Wenn dein Sack nicht schon so voll wäre, so würde ich dir ein bißchen was hineintun, sagte sie. — Nein, du sollst dich nicht in Unkosten stürzen!
Inger geht mit dem Kind auf dem Arm hinein, während Eleseus bei dem Lappen draußen bleibt. Die beiden kommen gut miteinander aus. Der Junge darf etwas Merkwürdiges aus des Lappen Sack sehen, etwas Haariges, er darf es streicheln. Der Hund winselt und bellt. Als Inger mit etwas Mundvorrat herauskommt, stößt sie einen kleinen Seufzer aus und sinkt auf die Türschwelle. Was hast du da? fragt sie. — Ach nichts, es ist ein Hase. — Das hab' ich gesehen. — Dein Kleiner wollte ihn sehen. Mein Hund hat ihn heute gejagt und umgebracht. — Da ist dein Essen, sagt Inger.
5
Es ist eine alte Erfahrung, daß wenigstens zwei Mißjahre aufeinander folgen. Isak war geduldig geworden und fand sich in sein Los. Das Getreide verbrannte auf dem Felde, und die Heuernte war mittelmäßig, aber die Kartoffeln sahen wieder aus, als würden sie sich erholen; es war demnach zwar schlimm genug, aber doch keine Not. Isak hatte auch noch Klafterholz und Balken, die er ins Dorf hinunterschaffen konnte, und da an der ganzen Küste der Heringsfang gut ausgefallen war, hatten die Leute Geld genug zum Holzkaufen. Es sah fast wie eine Fügung aus, daß die Getreideernte fehlschlug, denn wie hätte er dieses Korn dreschen sollen, ohne eine Scheune mit einer Tenne? Ja, laß Fügung Fügung sein, das schadet auf die Dauer nichts!
Eine andere Sache war die, daß Neues auftauchte und ihn beunruhigte. Was war nun das, was ein gewisser Lappe im Sommer zu Inger gesagt hatte — daß er nicht gekauft habe? Hätte er kaufen sollen, warum denn? Der Boden lag ja da, der Wald stand da, er machte Land urbar, errichtete sich ein Haus mitten in der Urnatur, ernährte seine Familie und seinen Viehstand, war niemand etwas schuldig, arbeitete, arbeitete. Schon wiederholt hatte er, wenn er drunten im Dorfe war, daran gedacht, mit dem Lensmann zu sprechen, dies aber immer wieder hinausgeschoben. Der Lensmann war nicht beliebt, und Isak war wortkarg. Was sollte er sagen, wenn er ankam, welchen Grund angeben, warum er gekommen sei?
Eines Tages im Winter kam indes der Lensmann selbst in die Ansiedlung dahergefahren; er hatte einen Mann bei sich und brachte eine von Papieren strotzende Tasche mit — und es war der Lensmann Geißler selbst. Er sah die große offene Halde, die abgeholzt war und glatt und eben unter dem Schnee lag, und er meinte wohl, die ganze weite Fläche sei angebaut, deshalb sagte er: Das ist ja ein großes Anwesen, meinst du, das bekommst du umsonst?
Nun war es da! Isak erschrak bis ins innerste Mark und erwiderte nichts.
Du hättest zu mir kommen und den Boden kaufen sollen, sagte der Lensmann. — Ja. — Der Lensmann sprach von Einschätzung, von Grenzscheiden, von Steuer, „Kronsteuer”, sagte er; als Isak einigermaßen Aufklärung bekam, fand er es immer weniger ungereimt. Der Lensmann neckte seinen Begleiter und sagte: Nun, du Schätzungsmann, wie groß ist die Ansiedlung? Aber er wartete nicht auf Antwort, sondern schrieb die Größe aufs Geratewohl hin. Dann fragte er Isak nach den Heulasten und nach den Kartoffeltonnen. Und wie sie es mit der Grenzscheide halten wollten? Sie könnten doch nicht die Grenzscheide in mannshohem Schnee abschreiten, und im Sommer könnten Menschen nicht hier heraufkommen. Was Isak sich selbst als Weideland und Wald ausgedacht habe? — Das wußte Isak nicht, bis jetzt hatte er, so weit er blickte, für sein Eigentum betrachtet. Der Lensmann sagte, der Staat setzt Grenzen. Je mehr Land du bekommst, desto mehr kostet es, sagte er. — So? — Ja, du bekommst nicht so viel, als du überschauen kannst, sondern so viel, als du brauchst. — So? —