Er gab Inger ein Geldstück, aber das war wirklich zu viel. Vergiß nicht, meiner Familie im Dorf etwas zum Schlachten mitzubringen, ein Kalb oder ein Schaf, meine Frau bezahlt dir's. Nimm auch ab und zu ein paar Ziegenkäse mit, meine Kinder essen ihn so gern, sagte er.

Isak begleitet ihn übers Gebirge; auf der Höhe lag fester Harsch, man konnte also gut vorwärts kommen. Isak bekam einen ganzen Taler.

So zog denn Lensmann Geißler fort und kehrte nicht mehr ins Dorf zurück. Die Leute sagten, es sei ihnen einerlei; man hielt ihn für einen unzuverlässigen Menschen und einen Abenteurer. Nicht, daß er nicht genug gewußt hätte, er war ein wohlunterrichteter Mann, der viel gelernt hatte, aber er tat sich zu viel darauf zugut und verbrauchte anderer Leute Geld. Es wurde ruchbar, daß er auf ein scharfes Schreiben von Amtmann Pleym hin durchgebrannt war; aber seiner Familie geschah nichts Böses, sie bestand aus der Frau und drei Kindern, und die blieben noch längere Zeit in der Gemeinde wohnen. Übrigens dauerte es nicht lange, bis die fehlenden Gelder von Schweden aus geschickt wurden; die Lensmannsfamilie war dann nicht mehr als Pfand da, sondern blieb aus freiem Willen, weil sie selbst es wollte.

Für Isak und Inger war dieser Geißler kein schlechter Mensch gewesen, im Gegenteil. Gott mochte wissen, wie sich nun der neue Lensmann zu der Sache stellen würde, ob am Ende das ganze Geschäft mit der Ansiedlung noch einmal gemacht werden mußte!

Der Amtmann schickte einen von seinen Schreibern in die Gemeinde, das war der neue Lensmann. Es war ein Mann in den Vierzigern, der Sohn eines Vogts und hieß Heyerdahl; er war zu arm gewesen, um zu studieren und Beamter zu werden, aber er hatte auf einer Gerichtsstube gesessen und war da fünfzehn Jahre lang Schreiber gewesen. Da er niemals Geld genug zum Heiraten gehabt hatte, war er Junggeselle; der Amtmann Pleym hatte ihn von seinem Vorgänger geerbt und gab ihm dasselbe armselige Gehalt, das er vorher bezogen hatte. Heyerdahl empfing sein Gehalt und schrieb weiter. Er wurde ein mißmutiger, vertrockneter, aber zuverlässiger und rechtschaffener Mann, war dabei auch, soweit seine Begabung reichte, sehr tüchtig zu den Arbeiten, die er einmal gelernt hatte. Jetzt, da er Lensmann geworden war, stieg sein Selbstgefühl bedeutend.

Isak faßte sich ein Herz und ging zu ihm.

Die Sache Sellanraa — ja, da ist sie, vom Ministerium zurückgekommen. Die Herren wollen über vieles noch Aufklärung haben, das Ganze ist ja von der Hand dieses Geißlers das reine Durcheinander, sagte der Lensmann. Das Königliche Ministerium will wissen, ob da vielleicht große herrliche Multebeerenmoore auf dem Platze sind. Ob Hochwald da ist. Ob sich möglicherweise Erze und verschiedene andere Metalle in den Bergen ringsum finden. Es sei ein großer Gebirgssee genannt, ob es da Fische gebe. Dieser Geißler hat allerdings einige Aufklärung gegeben, aber es ist ja kein Verlaß auf ihn, ich muß hier alles von ihm genau durchgehen. Ich werde also so bald wie möglich auf deine Ansiedlung nach Sellanraa hinaufkommen und alles untersuchen und es einschätzen. Wie viele Meilen ist es hinauf? Das Königliche Ministerium will, daß die Grenzen ordentlich abgeschritten werden. — Es wird sehr schwierig sein, die Grenzscheide vor dem Sommer abzuschreiten, sagte Isak. — Ach, es wird sich schon machen lassen. Wir können das Ministerium nicht bis zum Sommer auf Antwort warten lassen, versetzte Heyerdahl. Ich komme in den nächsten Tagen hinauf. Bei derselben Gelegenheit soll vom Staat aus auch noch an einen andern Mann Siedlungsland verkauft werden. — Ist das der Mann, der auf halbem Wege von der Gemeinde bis zu mir herauf Land kaufen will? — Das weiß ich nicht, aber vielleicht ist er es. Ein Mann von hier übrigens, mein Schätzungsmann, mein Amtsdiener. Er hat schon bei Geißler wegen des Kaufs angefragt; aber Geißler hatte ihn abgewiesen und gesagt, er könne ja nicht einmal zweihundert Ellen umgraben. Da hat der Mann an das Landgericht selbst geschrieben, und jetzt ist mir die Sache zur Begutachtung übergeben. Ja, dieser Geißler!

Lensmann Heyerdahl kam zur Ansiedlung und hatte den Schätzungsmann Brede bei sich. Sie waren sehr naß geworden beim Überschreiten des Moors und wurden noch nasser, als sie dann im schmelzenden Frühjahrsschnee die Grenze den Berghang hinauf abschreiten sollten. Am ersten Tag war der Lensmann sehr eifrig, am zweiten ging er müde dahin und blieb weit unten stehen, rief nur und deutete. Nein, es war nicht mehr die Rede davon, die „Berge ringsum abzuschürfen”, und die Multebeermoore sollten erst auf dem Heimweg genau untersucht werden, sagte er.

Das Ministerium hatte viele Fragen gestellt, es hatte wohl wieder eine Tabelle vor; die einzige von diesen Fragen, die einen Sinn hatte, war die nach dem Walde. Ganz richtig, es war etwas Hochwald da, und er stand innerhalb Isaks Viertelmeile, aber es war kein Bauholz zum Verkauf da, nur gerade genug für den eigenen Bedarf. Aber selbst wenn hier Bauholz gestanden hätte, wer hätte es meilenweit ins Dorf hinunterschaffen sollen? Das konnte nur der Mühlengeist Isak, wenn er im Laufe des Winters ein paar Stämme hinunterfuhr und dafür Balken und Bretter bekam.