Es hatten sich noch mehr Menschen zu uns gesellt, die dem eifrigen Redner lauschten. Hier fingen einige an zu kichern, andere standen in tiefem Sinnen da und hielten an ihrer Kinderlehre fest. Herr Nyke hatte Blut geleckt, er fuhr fort, über die Unwahrscheinlichkeiten der Bibel zu räsonnieren:
»Ebenso verhält es sich mit Jesu Göttlichkeit,« sagte er. »Vor der Kirchenversammlung zu Nicäa stand es jedem frei, darüber zu glauben, was man wollte; da aber wurde es festgestellt. Dies geschah im 4. Jahrhundert nach Christo. Und seither ist es so gewesen. Forscht man aber in Büchern und Schriften, findet man keine Begründung für diesen menschlichen Lehrsatz. Ich habe in einem schwedischen Buch gelesen, das Ganze beruhe auf der fälschlichen Auslegung eines griechischen Buchstabens. Ich will euch das alles zeigen, wenn ich nur erst zu meinem Koffer gelangen kann; da habe ich eine Menge Bücher.«
Oben auf Deck war es jetzt einigermaßen ruhig geworden, so daß Herr Nyke ganz ungestört reden konnte; durch die Luken des Zwischendecks stieg ein Gesurre von Stimmen von allen den geschäftigen Menschen da unten auf, die ihre Kojen mit geballten Fäusten verteidigten und ihr Gepäck beiseite stauten.
Vier junge Damen in flottgeschürzten Karl-Johann-Toiletten und blauen Ringen unter den Augen gingen plaudernd je zu zweien vorüber. Sie orientierten sich für die kommenden Tage an Bord, starrten mit großen, blauen Augen um sich, redeten jeden sündhaften Matrosen an und stiegen unerschrocken über all das Gepäck, das ihnen im Wege lag, ohne auch nur die fetten, kleinen Hände aus den Manteltaschen zu ziehen. Strauchelte eine von ihnen, so lachten sie alle vier und meinten, es sei ein recht vergnügliches Leben an Bord.
Ich ging hinunter, um mir eine Koje in einer einigermaßen reinlichen Nachbarschaft auszusuchen. Das hatte indessen mein junger Reisegefährte schon besorgt; er saß wie ein Kaiser oben auf seiner Strohmatratze und warf allen, die ihm seine Koje nehmen wollten, wütende Worte an den Kopf.
In der Nähe unserer Koje hatten auch Kristen Nyke und seine Kameraden Unterkommen gefunden. Zwei von ihnen seien »gewöhnliche Handwerker«, sagte Herr Nyke, sie hatten einen gemeinsamen Geldbeutel und einen gemeinsamen Koffer, ohne doch Brüder zu sein; der dritte hatte feinere Hände und ein lustiges, verschmitztes Gesicht, er war aus einer Kaufmannsfamilie. Dieser Mann sollte uns während der Überfahrt viele Unterhaltung verschaffen. Nie seekrank, immer lustig, hilfsbereit und immer parat, fuhr er zwischen den Passagieren umher und streute seine Scherze willig über das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits schien dieses kleine drollige Männchen nur ein Vergnügen hier im Leben zu kennen: nämlich seinen Reisegenossen Nyke, den er immer bei seinem Vornamen Kristen nannte, tüchtig zu necken, und es kam nur selten vor, daß diese beiden Frieden hielten. Zuweilen weckte er den Seminaristen mitten in der Nacht, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen, oder er erzählte ihm, wieviel die Uhr war, während Nyke wütend erwachte und ihm schreckliche Rache für diesen »Schurkenstreich« schwur. Und dann schliefen sie beide wieder ein.
Jetzt standen sie da und warteten auf das Mittagessen.
»Nyke soll drüben Pastor werden,« sagte der Kaufmann.
Da lachte Nyke. Pastor, er! Dazu war er ein viel zu aufgeklärter Mensch! Und er wandte sich nach mir um und fragte, was ein Mann mit seiner Ausbildung eigentlich anfangen sollte. Er gehöre nicht zu denen, die körperliche Arbeit verachteten, aber man müsse ihm wohl recht geben, daß er die Bedingungen zu etwas anderem in sich trüge. Er habe an die Stellung eines Professors an einem College gedacht.