Aber als sollte die Sache nie ein Ende nehmen, wurde die See mit jeder Wache, mit jedem Morgengrauen bewegter. Der Nebel kam und ging, der Sturm vertrieb ihn einen Augenblick, bald aber umgab er uns wieder, und das ununterbrochene Kreischen der Takelage tönte bis in das Zwischendeck hinab. In der Nacht brachen einige Kojen ein, die Menschen rollten auf die Erde, müde und seekrank zogen sie die Decken über sich, und halbnackend und verfroren, ohne die Kraft, ihre Matratzen mitzunehmen, schliefen sie auf einem Sack oder einer Kiste elendiglich wieder ein.

Gegen Mitternacht steckte eine Frau den Kopf durch unsere Kojenthür. Sie war mühselig die steile Treppe von dem untersten Zwischendeck, wo die Familien wohnten, heraufgeklettert. Die Laternen brannten trübe an ihren Haken, der Kopf der Frau schimmerte so sonderbar in der Lukenöffnung.

»Kann nicht jemand von hier hingehen und melden, daß da unten am Boden des Schiffes ein so unheimliches Geräusch ist?«

Niemand antwortet. Die Frau schreit lauter, um jemand zu wecken:

»Ist hier nicht jemand, der die Meldung machen kann, daß das Schiff leck ist?«

Jetzt lachen einige laut, und die Frau zieht sich zurück, indem sie mit großer Beharrlichkeit vor sich hin murmelt, daß das Schiff geborsten sei.

Herr Nyke lag im tiefsten Elend in seiner Koje. Es war ein einziger, langer »Fall«. Einer seiner Gefährten fragte ihn einmal, ob er tot sei. Nein, so gut erginge es ihm nicht, murmelte er.

Vom Deck herab klangen die Kommandorufe der Offiziere zu uns herunter, und der Kapitän, dieser über und über mit Goldtressen bedeckte Herr, der uns Emigranten mit so spöttischer Miene begegnet war und uns wiederholt befohlen hatte, ihm aus dem Wege zu gehen, stand nun selber auf der Kommandobrücke. Wir hörten seine Stimme da oben, schnell und scharf erteilte er seine Befehle, und niemand zauderte, ihm zu gehorchen. Wir hatten alle ein Gefühl, daß der Kapitän trotz alledem der beste Mann an Bord wäre, und diesen Augenblick war kein Spott in seinen Mienen.

In den Familienkammern waren jetzt Luft und Licht in einer traurigen Verfassung. Der Seegang war nämlich so schwer geworden, daß man die Luken zu dem obersten Verdeck hatte verrammeln müssen. Die meisten lagen im Bett, die Mütter mit den Kindern eng aneinander geschmiegt, die Männer mit stumpfsinnigen Augen und großen Nasenlöchern, unfähig zu jeder Bewegung. Ganz oben aber an der obersten Treppe stand der gesunde, frische Methodistenprediger, der Mann mit den geistlichen Liedern. Er stand da mit entblößtem Haupt und entblößter Brust, wie versteinert im Gebet. Und die ganze Nacht, seit gestern abend hatte er dagestanden, und von Zeit zu Zeit war ein Auswanderer zu ihm heran gekommen, mit dem er gesprochen hatte. Als es hell wurde und die Leute erwachten, rief er plötzlich mit lauter Stimme zu uns hinab: »Ich bin eine Stimme im Namen des Herrn!« — Und er fing an mit Bekehrungsworten und Höllenstrafen um sich zu werfen. Aber es war eine schlechte Kirche, dies Schiff mit sechshundert elenden Auswanderern! Die jungen Mädchen waren nach einer durchwachten Nacht endlich eingeschlafen, und wer weiß, vielleicht träumten sie jetzt einen bekannten Traum von einer flotten Mazurka. Die Mütter und Väter hatten jeder seine Last zu tragen, deswegen war die Predigt auch in den Wind gesprochen. Ach, man wollte Ruhe haben. Man war so matt und elend, man vermochte keinen Gedanken zu denken, konnte sich auf keine Sünde besinnen.

Der Kaufmann war gesund, von Zeit zu Zeit zündete er sich sogar heimlich eine ungeheuer übelriechende Pfeife an, obwohl es wegen der Seekranken und der Feuersgefahr strenge verboten war, hier unten zu rauchen. Herr Nyke hatte gerade den infamen Tabaksrauch gespürt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen. Dafür begann dieser, seinen Spott mit dem Seminaristen zu treiben, der so bange war. Kristen sei bange, Kristen habe vor einem Augenblick ein Neues Testament unter sein Kopfkissen gesteckt! — Nyke aber schwur mit dem letzten Rest seiner Kräfte, daß der Kaufmann lüge. — — —