Ein armer, verirrter Freigeist also! dachte ich bei mir; wo steht es in Gottes Wort geschrieben, daß die Leichen nicht in der Erde bestattet werden sollen? Jetzt fängst du an, mich zu langweilen.
»Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber. Es ist unrecht, sagte ich. Die Dame ging vorüber, sie hörte meine Worte und sah mich an. Ich sprach von Unrecht an einem heiligen Ort. Apropos: haben Sie wohl die alte Frau mit dem Rechen und der Gießkanne in den abgearbeiteten Händen beachtet? Und ihr Rücken, wie gebeugt der war? Dies Geschöpf hat sich wirklich um ihre Gesundheit gebracht in dem Streben, die Erde, die Quelle des Lebens, aufzuwühlen und brach zu legen. Aber sahen Sie es wohl: drei bis vier Schritte hinter der vornehmen Frau, die zu einem Grabe wollte um ihre Trauer zu verrichten. Ja, das war es eigentlich nicht. Sahen Sie, was das kleine Mädchen trug?«
»Blumen.«
»Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl gesehen? Blumen zu einer Krone das Stück. Feine Blumen, die ein ganz außerordentlich empfindliches Leben haben; wenn die Sonne ein wenig sengt, sterben sie. In vier Tagen werden sie über das Gitter in die Gärtnerei da unten geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.«
Da antwortete ich dem Freigeist und sagte:
»Die Pyramiden waren doch noch teurer.«
Das übte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet hatte. Er schien die Einwendung bereits früher gehört zu haben.
»In jener Zeit herrschte keine Armut,« sagte er. »Ägypten war obendrein die Kornkammer des ganzen römischen Reichs, die Welt war damals noch nicht so eng. Ich kann aus Erfahrung mitreden, wie eng sie jetzt ist. Nicht ich persönlich habe diese Erfahrung gemacht, sondern ein anderer. Aber ich weiß nur, die Pyramide in der Wüste ist eins und ein wohlgepflegtes, modernes Grab ist etwas ganz anderes. Sehen Sie sich hier um! hunderte von Gräbern, Monumente für große Summen, Granitrahmen aus den Grefsenbergen zu drei Kronen sechzig Öre die Elle. Grassoden aus Egeberg zu zwei Kronen fünfzig Öre das Quadratmeter. Ich will gar nicht reden von den Inschriften und dem Raffinement, das in Bezug auf steinerne Säulen getrieben wird in polierter oder roher Arbeit, ausgehauen oder gefügt, rot, weiß und grün. Sehen Sie nur einmal diese Unmenge Grassoden an! Ich sprach mit dem Totengräber hierüber, der Handel damit hat dermaßen um sich gegriffen, daß kaum mehr Soden zu haben sind. Nun bitte ich Sie, bedenken Sie doch nur, was Grassoden auf der Erde bedeuten: sie sind das Leben!«
Da erlaubte ich mir zu entgegnen, daß dies Leben nicht aller Idealität beraubt werden könne und dürfe; es habe doch wohl sein bißchen ethische Bedeutung, daß die Menschen noch ein paar Grassoden für ihre lieben Toten übrig hätten. Und der Ansicht bin ich auch heutigen Tages noch.
»Sehen Sie,« sagte der Mann heftig, »von dem, was täglich hier vergeudet wird, könnten Familien leben, Kinder erzogen, schiffbrüchige Existenzen gerettet werden. Jetzt sitzt die junge Frau da unten und gräbt Kamelien in die Erde, die den Wert von zwei Kinderkleidern repräsentieren. Wenn der Kummer die Mittel zu so etwas hat, wird er Gourmand.«