»Nun? haben Sie sie gefunden?«
»Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.«
Es sollte eine ordentliche Jagd veranstaltet werden. Das kleine Mädchen war sicher noch auf dem Friedhof, und jetzt mußte endlich Ernst aus der Sache gemacht werden. Dies war nun heute die dritte, die gestohlen hatte. Schulkinder, kluge kleine Mädchen, die sehr wohl wußten, daß es unrecht war. Wie? Sie stehlen die Blumen, binden Sträuße daraus und verkaufen sie. Ja, nette Kinder! das mußte man sagen!
Ich begleitete den Totengräber und half ihm eine Zeitlang, die Kleine suchen. Aber sie hatte sich gut versteckt. Wir nahmen den Wächter mit, wir suchten zu dreien und fanden sie nicht. Es fing an zu dämmern und wir gaben das Suchen auf.
»Wo ist das bestohlene Grab?«
»Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat man je so etwas erlebt?«
Ich ging dahin. Jetzt stellte es sich heraus, daß ich dies Grab kannte. Das kleine verstorbene Mädchen hatte ich ganz gut gekannt, und am nämlichen Vormittag hatten wir sie begraben. Die Blumen waren verschwunden, auch meine eigenen. Ich sah sie nirgends mehr.
»Wir müssen weiter suchen,« sagte ich zu den anderen. »Dies ist schändlich!«
Der Totengräber hatte eigentlich nichts hiermit zu schaffen, aber er nahm doch der Sache wegen teil. Und nun fingen wir alle drei an, von neuem zu suchen. Plötzlich unten an der Biegung des Weges gewahrte ich ein kleines Menschenkind, ein Mädchen, das zusammengekrochen hinter Brigadevogt With's großer polierter Grabsäule an der Erde kauerte und mich anstarrte. Sie hatte sich so klein gemacht, daß ihr Hals ganz in den Rücken hineingeschoben war.
Aber ich kannte sie ja! Es war die Schwester der Verstorbenen.