Hatte sie sie nicht gestohlen? Sie hatte sie ja in der Tasche, wir hatten es sozusagen gesehen. Sie aber wiederholte ängstlich, sie habe sie nicht gestohlen.
In der Pforte hing der Kleiderärmel der kleinen Elina am Schloß fest, und der dünne Ärmel wurde beinahe ausgerissen. Und dadrinnen schimmerte der magere kleine Arm.
Auf die Polizeistation ging es. Ich begleitete sie. Es wurden einige Erklärungen abgegeben, aber so viel ich weiß, geschah der kleinen Elina nichts weiter. Ich selber sah sie nicht wieder, denn ich reiste fort und blieb neun Jahre weg.
Jetzt aber habe ich mehr Einsicht in die Sache bekommen. Es war ganz verkehrt, was wir da thaten. Sie hatte die Blumen natürlich nicht gestohlen, aber selbst wenn sie es gethan hätte? Ich sage mir: warum nicht? Hat man je so etwas Verkehrtes gehört, als wie wir uns mit ihr benahmen? Aber kein Richter kann uns deswegen verurteilen, wir nahmen sie nur fest und führten sie vor das Gericht. Ich kann Ihnen sagen, ich habe Elina wieder gesehen und kann Sie zu ihr führen!«
Er machte eine Pause.
»Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzählen werde, müssen Sie zuhören! Ja, sagt das kranke Kind, wenn ich jetzt sterbe, so werde ich schon Blumen bekommen, vielleicht viele Blumen, denn die Lehrerin wird gewiß ein Bouquet schicken und Frau Bendiche sendet vielleicht gar einen Kranz.
Aber die kleine Kranke ist klug wie eine Alte. Sie ist zu stark gewachsen, um am Leben bleiben zu können, und seither hat die Krankheit ihr Nachdenken unglaublich geschärft. Wenn sie spricht, schweigt die andere, die kleinere Schwester, die angestrengt bemüht ist, sie zu verstehen. Sie wohnen allein dort, und die Mutter ist niemals zu Hause, hin und wieder aber schickt ihnen Frau Bendiche Essen, und sie verhungern nicht. Jetzt zanken sich die Schwestern nie mehr, es ist lange, lange her, seit sie Streit miteinander hatten, und ihre früheren Streitigkeiten aus früheren Zeiten auf dem Spielplatz sind längst vergessen.
Aber die Blumen sind nichts übertrieben Herrliches, fährt die Kranke fort. Sie welken. Und welke Blumen sind nicht schön auf einem Grab zu haben. Und wenn sie tot war, konnte sie sie doch nicht sehen, und wärmen thaten sie auch nicht. Ob Elina aber wohl noch an die Schuhe dächte, die sie einmal im Bazar gesehen hatten? Sie waren warm!
Elina erinnerte sich der Schuhe noch. Und um ihrer Schwester zu zeigen, wie klug sie war, beschrieb sie ihr die Schuhe ganz genau.
Es war jetzt nicht mehr lange bis zum Winter. Und durch das Fenster zog es so schrecklich, daß der Waschlappen dort am Nagel ganz steif fror. Elina könnte so ein Paar Schuhe bekommen.