Es ist, beiläufig gesagt, höchst charakteristisch, daß Bacon die
Poesie nur als W e l t a b b i l d gelten ließ, daß er die lyrische
Gattung, die Darstellung des eigenen Innern, die Herzensergießungen,
die Sprache des Eros davon ausschloß und nicht zur Poesie, sondern zur
Rhetorik gerechnet hat. Glaubt man wirklich, daß dieser Mann ein
Dichter sein konnte, daß er der Dichter von "Romeo und Julia", daß er
Shakespeare war!?

Da wir im Traum Dinge für wirklich halten, die nur imaginär sind, so hat Bacon von der Poesie, diesem imaginären Abbilde der Welt, einmal gesagt, daß sie gleichsam ein Traum der Wissenschaft sei (tanquam scientiae somnium); er hat die Poesie ganz im Sinne der Renaissance als eine Art weniger der Wissenschaft als der Gelehrsamkeit und der gelehrten Bildung (genus doctrinae) betrachtet, ohne welche poetische Werke weder zu machen noch zu verstehen sind.

Das durchgängige Thema aller Arten der Poesie ist nach Bacon die G e s c h i c h t e (historia). Wenn er von der parabolischen Poesie als einer sinnbildlichen Geschichte (historia cum typo) sagt, daß dieselbe unter den übrigen Arten hervorrage (inter reliquas eminet), so hat er damit nicht den poetischen Werth, sondern den r e l i g i ö s e n Charakter der allegorischen Dichtung hervorheben wollen. [Fußnote: De dignitate et augmentis scientiarum Lib. II, cp. XIII. Works I, p. 520.]

Es ist ihm nicht in den Sinn gekommen, die Arten der Poesie abzustufen oder dem Range nach zu ordnen: der epischen Poesie die dramatische, beiden aber die parabolische überzuordnen; es hat ihm noch weniger in den Sinn kommen können, nunmehr die dramatische und parabolische Poesie zu combiniren und das p a r a b o l i s c h e D r a m a für die höchste Gattung der Poesie zu erklären. [Fußnote: Bormann, S. 7.]

Eine solche Art der Anordnung und Abstufung kommt mir vor, als ob jemand das Militär in Soldaten zu Fuß, zu Pferde und zur See eintheilen, dann seiner Liebhaberei gemäß den Soldaten zu Fuß die zu Pferde und zur See vorziehen oder überordnen, endlich die beiden höheren Arten combiniren und nunmehr d i e R e i t e r z u r S e e für die höchste Gattung des Militärs erklären wollte! Genau so läßt die jüngste Bacon-Theorie in der Lehre Bacons die parabolischen und naturphilosophischen Dramen entstehen.

Der Begriff naturphilosophischer Dramen ist nicht bloß völlig unbaconisch, er ist auch in der Theorie und Geschichte der Dichtkunst völlig unbekannt. Was Erzählungen und Dramen, was Gleichnisse und Fabeln sind, weiß jeder; was naturphilosophische Dramen sind, weiß niemand. Die ersten Beispiele derselben hat auch zufolge der jüngsten Bacon-Theorie erst Bacon in den 36 Dramen der Folio geliefert.

Wenn eine Untersuchung zu Resultaten führt, die ihre Unmöglichkeit offen zur Schau tragen, so hat sie die Probe geliefert und abgelegt, daß sie falsch ist und in der Irre. Machen wir die Probe.

3. Der Anfang des ersten Hamlet-Monologs als das non plus ultra naturwissenschaftlicher Dichtung.

Der "Hamlet" repräsentirt ein naturphilosophisches Drama, worin Bacon seine Lehre vom menschlichen Körper und dessen Lebensgeist, von Gesundheit und Krankheit, von Leben und Tod und noch vielem Anderen dargelegt haben soll. Hier hat die jüngste Bacon-Theorie sogleich zwei Zeilen entdeckt, die nach ihrer wörtlichen Aussage "zu den am meisten mit Naturwissenschaft durchtränkten gehören, die je ein Dichter geschrieben habe". [Fußnote: Ebendaselbst S. 47.]

Diese zwei Zeilen sind die Anfangsworte des ersten Hamlet-Monologs: "O, schmelze doch dies allzufeste Fleisch, zerging' und löst' in einen Thau sich auf!" In diesen Worten werden wir auf das anschaulichste über die drei Aggregatzustände der Körper belehrt: den festen, flüssigen und gasförmigen, wobei der Thau (dew) zu den Gasen gerechnet wird! Hamlet wolle sich auflösen und in das Weltall verflüchtigen. Gleich daraus nennt er die Welt "einen wüsten Garten, den Unkraut gänzlich erfüllt". Und doch will er Luft werden, um das Unkraut zu nähren? Dies die allerneueste Art, die Räthsel des "Hamlet" zu lösen, nicht auf physiologischem, sondern nunmehr auf chemischem Wege!