Außer der Verfärbung zum Hochzeitskleid tritt mit Beginn der Laichfähigkeit bei vielen Fischen noch eine andere wunderbare Erscheinung auf: ihre mehr oder minder mit dem Fortpflanzungsgeschäft in Zusammenhang stehenden, durch rücksichtslose Kühnheit und erstaunliche Zähigkeit ausgezeichneten Wanderungen, die an geheimnisvollen Rätseln dem Vogelzug kaum nachstehen. Sehr oft sind ja die besten und sichersten Nährgründe nicht auch zugleich zum Absetzen des Laiches geeignet, und der Fisch ist deshalb gezwungen, eine weitgehende Ortsveränderung vorzunehmen, wenn er sich seiner Bürde entledigen und den Weiterbestand seiner Art sicher stellen will. Häufig kommt es vor, daß gewöhnlich im Meer lebende Fische zum Laichen hoch in die Flüsse hinaufsteigen oder umgekehrt das Süßwasser zum Laichen mit dem Meer vertauschen. Zu diesen gehört beispielsweise der Aal, zu jenen der Lachs. Wenn wir diese echten Wanderer etwa mit den Zugvögeln vergleichen können, so gibt es andrerseits auch noch eine Reihe beschränkter Wanderer, die den Strichvögeln entsprechen und nur im gleichen Stromsystem oder Meere hin und her ziehen, wobei Wärme- und Ernährungsverhältnisse, Salzgehalt des Wassers und Laichgelegenheiten als die maßgebenden Faktoren anzusehen sind. Hierher gehören z. B. von Süßwasserfischen die Forelle und von Seefischen die Flunder, die zwar Hunderte von Kilometern weit reist, nicht aber aus der Nordsee in die Ostsee zieht oder umgekehrt. Während man früher sich um die Fischwanderungen wenig gekümmert hat, ist ihnen in neuerer Zeit eine sehr eingehende und sorgfältige Beachtung zugewendet worden, und zwar nicht nur aus rein wissenschaftlichen, sondern namentlich auch aus praktischen und volkswirtschaftlichen Gründen. Nirgends und zu keiner Zeit drängen sich ja die Fische in solchen Massen zusammen wie auf ihren Wanderungen von und zu den Laichplätzen, und niemals sind sie so mühelos und in so lohnender Menge zu fangen wie bei solchen Gelegenheiten. Mit Sehnsucht warten ganze Dörfer und Städte auf das seit Jahrhunderten gewohnte Erscheinen der riesigen Fischheere, die reichen Verdienst mit sich bringen, und die Trauer und die Enttäuschung sind groß, wenn die geschuppten Geschwader einmal aus irgendwelchen Gründen ausbleiben, denn das bedeutet Elend und Verarmung. Da aber plötzliche Verlegungen der altbekannten Heeresstraßen gerade in den letzten Jahrzehnten öfters vorgekommen sind und dadurch mehrfach wirtschaftliche Katastrophen hervorgerufen wurden, während andrerseits unvermutet unendliche Fischzüge an ungewohnten Plätzen erschienen, wo sie nicht genügend verwertet werden konnten, und oft genug als Dung auf die Felder gefahren werden mußten, so liegt es auf der Hand, welch hohe praktische Bedeutung der Erforschung solcher Erscheinungen und dem Studium der Fischwanderungen überhaupt zukommt. So ist es zunächst sehr wichtig, zu wissen, was wohl die Fische auf ihren Wanderungen leitet. Da man in wissenschaftlichen Kreisen dem »stumpfsinnigen« Fisch irgendwelche an geistige Fähigkeiten anstreifende Handlungsweise nicht zutraute, so sollte auch die Wanderung ein rein reflektorischer Vorgang sein, der natürlich durch gewisse Reize ausgelöst werden mußte. Man dachte da namentlich an die sogenannte Phototaxis, d. h. an das Reagieren des Organismus gegen veränderte Belichtungs- und Bestrahlungsverhältnisse. Nun hat aber jüngst erst Franz in einer Reihe sehr eingehender Studien nachgewiesen, daß die durch gekünstelte Experimente gewonnene Vorstellung von der Phototaxis lediglich ein reiner Laboratoriumsbegriff ist, wenigstens soweit die Fische in Betracht kommen. Sie ist in Wirklichkeit nichts als ein unter ungünstigen Daseinsveränderungen und insbesondere bei anscheinender Gefahr ausgelöster Fluchtreflex, der bei Oberflächenfischen sich als »positiv«, bei Grundfischen dagegen als »negativ« erweisen wird, da diese bei Bedrohung ja instinktmäßig ins Dunkel flüchten. Will man von dem durch den Wechsel zwischen Tag und Nacht bedingten Aufsteigen und Niedersinken gewisser Meeresfische und ihrer Larven absehen, so gibt es eine Phototaxis bei erwachsenen Fischen in freier Natur überhaupt nicht, bei ihren Larven nur in ganz beschränktem, kaum angedeutetem Umfang. Deshalb kann die Phototaxis auch auf die Wanderungen der Fische nicht den allergeringsten Einfluß ausüben, sondern es müssen andere Faktoren zu ihrer Erklärung herangezogen werden. Einen solchen glaubt Franz zunächst einmal in dem Ortssinn und in dem Ortsgedächtnis der Fische gefunden zu haben, die er sorgsam auf ihre Leistungsfähigkeit hin geprüft und weit höher entwickelt gefunden hat, als sich dies unsere Schulweisheit bisher träumen ließ. Danach scheinen doch auch schon die Fische teilweise wenigstens keine absoluten Reflexmaschinen mehr zu sein, vielmehr bei ihnen schon wenigstens schüchterne Ansätze sich geltend zu machen zum Verwerten erlebter Erfahrungen und zum Verknüpfen von Assoziationen, so sehr man sich andrerseits vor Vermenschlichungen bei dieser immerhin tiefstehenden Tierklasse hüten muß, deren Lebensäußerungen zumeist durch mehr oder minder verwickelte und sich kreuzende Instinkte und Reflexe unschwer sich werden erklären lassen. Wie immer dem sei, jedenfalls beweisen schon die einfachsten Experimente, daß die Fische tatsächlich einigermaßen gemachte Erfahrungen zu ihrem Besten zu verwerten wissen. So stutzten Barsche, denen man als Futterfische Sardinen gab, als man einige derselben rot färbte, machten aber schließlich einen Versuch und verzehrten dann gefärbte und ungefärbte ohne Unterschied. Ähnlich ging es, als man noch einige blau gefärbte Sardinen dazu setzte. Als dann aber kleine Stücke von Seenesseln an den blauen Sardinen befestigt wurden und die Barsche sich beim Zugreifen tüchtig stachen, fuhren sie erschrocken zurück und mieden von da ab die blauen Sardinen. Freilich hielt in diesem Falle ihr Gedächtnis nur bis zum nächsten Tage vor; dann scheinen aber die Barsche besonders vergeßliche Bursche zu sein, denn vom Karpfen ist nachgewiesen, daß er mindestens vier Monate lang für Örtlichkeitsverhältnisse Gedächtnis hat, und bei anderen Fischen verhält es sich ähnlich. Dieser Auffassung steht nun allerdings die Tatsache entgegen, daß geangelte und dabei entkommene oder wieder ausgesetzte Fische oft schon nach kurzer Zeit sich zum zweiten oder dritten Male fangen lassen, also die gemachte böse Erfahrung anscheinend sehr rasch vergessen haben. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß einerseits die dem Fische beim Angeln zugefügte Schmerzempfindung aller Wahrscheinlichkeit nach eine nach menschlichem Maßstabe überraschend geringe, und daß andrerseits der Zuschnappreflex, wenn der Ausdruck statthaft ist, ein sehr stark entwickelter ist und eben in solchen Fällen den Sieg über die geringe Lernfähigkeit davonträgt. Edinger kommt auf Grund umfassender Untersuchungen geradezu zu dem Schlusse, daß der Fisch nicht zubeißt, weil er zubeißen will, sondern weil er zubeißen muß. Er schaltet also einen selbständigen Willen des Tieres dabei vollständig aus, und die praktischen Erfahrungen der Angler, die in England das Sprichwort haben »Wenn du der Forelle die rechte Fliege zur rechten Zeit gibst, fängst du sie sicher«, scheinen ihm darin nicht unrecht zu geben. Edinger glaubt demnach, daß infolge sich gegenseitig auslösender Reflexe ein hungriger Fisch unter bestimmten Umständen anbeißen muß, wenn die Nahrung ihm genau in der Weise zukommt, wie die naturgemäße, und störende Nebenumstände (Sichtbarkeit der Schnur, Schatten des Anglers usw.) vermieden werden. Die ganze Geschicklichkeit des Anglers bestehe deshalb lediglich darin, diesen richtigen Augenblick ausfindig zu machen. Übrigens gehen intelligentere Fische wie der Schill doch nicht leicht zum zweiten Male an die Angel, wenn sie schwer gereizt wurden. Wenn nun auch die Lernfähigkeit der Fische jedenfalls nur eine geringe ist, so ist das Ortsgedächtnis doch in nicht unerheblichem, wenn auch sehr verschieden hohem Grade vorhanden, und am besten ist es jedenfalls bei den Wanderfischen entwickelt. So hat man festgestellt, daß zwar Stichlinge ihr Nest nur auf 10 m Entfernung wieder fanden, Forellen dagegen trotz zwischengelegter Hindernisse aus 6 km Entfernung zu ihrem Standplatze zurückfanden. Ein derart gutes Ortsgedächtnis muß den Fischen natürlich auch auf ihren Wanderungen in hohem Maße zustatten kommen, und man könnte sich auch recht wohl vorstellen, daß die Kenntnis bestimmter Heeresstraßen sich ähnlich wie bei den Vögeln durch Tausende von Generationen vererbt habe, dadurch fixiert und zu einem bloßen Instinkt geworden sei. Aber dann hat ja der Fisch auch noch eine Seitenlinie, die ihn so genau über den jeweiligen Verlauf der Strömung unterrichtet, und es muß deshalb für ihn eine Kleinigkeit sein, sich in Strömen oder Flüssen zurechtzufinden, sei es nun, daß er abwärts ins Meer oder aufwärts ins Quellgebiet zu gelangen wünscht. Diese Faktoren reichen also wohl aus, um reine Süßwasserwanderungen zu erklären, aber ganz anders und viel geheimnisvoller gestaltet sich das Bild, wenn wir etwa an die Einwanderung der jungen Aale aus dem Meere in die Ströme denken. Man denke sich diese Fischchen, die noch nie eine Reise gemacht haben, in der unendlich einförmigen, in ewige Finsternis gehüllten Wassermasse, wo das Fischauge keine festen Anhaltspunkte gewinnen kann, sondern eine unbestimmte nebelige Ferne vor sich hat. Hier kann natürlich von irgendwelchem Ortsgedächtnis keine Rede sein. Franz ist der Meinung, daß es der abweichende Salzgehalt der verschiedenen Wasserschichten und Meeresteile ist, der den Tieren als Führer aus dieser Wüstenei dient. Wasserschichten verschiedenen Salzgehalts zeigen ja auch abweichende Temperaturen, und diese wiederum zeitigen Strömungserscheinungen. Freilich werden solche ganz gering sein und erst nach Zurücklegung weiterer Strecken sich deutlich bemerkbar machen, aber es ist wohl mit Recht anzunehmen, daß die gesteigerte nervöse Erregbarkeit der Fische zur Brunst- oder Wanderungszeit auch die Feinfühligkeit ihrer Sinnesorgane und namentlich der Seitenlinie erhöht. Und so ließe sich auch hier schließlich folgern, daß die Wanderung der Meeresfische mehr eine Art Zwangsbewegung darstellt. Vielleicht bringen die Markierungsversuche, die seit einigen Jahren von zahlreichen biologischen Stationen gemacht werden, allmählich mehr Licht in diese einstweilen noch ziemlich dunkle Seite des Fischlebens.
Aal. (Nach einer Aufnahme von Jacques Boyer.)
Die Entwicklung des Aales. (Nach Grassi u. Calandruiccio.)
Betrachten wir nun zunächst einmal als Beispiel für die ersterwähnte Art der Wanderung den Aal (Anguílla vulgáris), bei dem ja gerade seine ausgedehnten Reisen sein ganzes Leben mit einem schier undurchdringlichen Schleier des Rätselhaften und Geheimnisvollen umhüllt haben, den zu lüften emsiger Forschung erst in jüngster Zeit gelungen ist. Fortpflanzung und Wanderung sind hier nicht nur in der innigsten, sondern auch in der seltsamsten Weise miteinander verknüpft. Lange tappte man diesbezüglich im dunkeln und erzählte sich mehr oder minder unsinnige Märchen nach, und daß die Forschung das große Aalproblem jetzt in seinen Hauptzügen, wenn freilich auch noch lange nicht erschöpfend gelöst hat, darf als einer der glänzendsten Triumphe der biologischen Wissenschaft angesehen werden. Viel hat zu der jahrhundertelangen Verwirrung der Umstand beigetragen, daß es lange nicht gelingen wollte, Geschlechtsorgane bei unseren Süßwasseraalen aufzufinden, so unzählige man auch dieserhalb untersuchte. Da kann es nicht Wunder nehmen, daß das uralte Märchen von der Urzeugung gerade beim Aal überraschend lange in Geltung blieb, um später durch die ebenso falsche Auffassung abgelöst zu werden, daß der Aal lebendige Junge gebäre. Wahrscheinlich wurde sie hervorgerufen durch die Auffindung von massenhaft im Leibe des Aals schmarotzenden Spulwürmern (Ascaris), die bei oberflächlicher Betrachtung wohl als Jungaale gelten konnten. Noch in den 70er Jahren ist ein strebsamer Naturgeschichtsprofessor auf eine ihm von einem Fischer gebrachte »Aalmutter« hereingefallen (es ist dies ein ganz anderer Fisch, Zoarces vivipara, der schon seit Jahrhunderten als lebendig gebärend bekannt ist) und hat einen sehr langen, sehr gelehrten und schön illustrierten Aufsatz darüber in der »Gartenlaube« veröffentlicht, um dadurch das Lebendgebären beim Aale zu beweisen. Auch über einen vermutlichen Generationswechsel bei diesem merkwürdigen Fische hat man viel gefabelt. In Wirklichkeit verhält sich aber die Sache so, daß alle in unseren Süßwassern lebenden Aale überhaupt noch nicht geschlechtsreif sind. Denn als man endlich mit Hilfe der gesteigerten Mikroskoptechnik die Geschlechtsorgane auffand, die in Fettmassen verborgen liegen, da stellte es sich heraus, daß sie noch völlig unentwickelt waren. Hatten doch die Eier in den weiblichen Geschlechtsteilen kaum einen Durchmesser von 0,1 mm, waren also mit bloßem Auge gar nicht sichtbar. Da man schon längst wußte, daß ein Teil unserer Aale im Herbst ins Meer wandert, lag die Folgerung nahe, daß die Tiere erst dort ihre volle Geschlechtsreife erlangen und zum Laichen schreiten. Von da an befand sich die Forschung auf dem richtigen Weg, und es ist namentlich das Verdienst des Italieners Grassi und des Dänen Schmidt, daß heute das Aalproblem den Nimbus des Unerklärlichen verloren hat. Weitere Untersuchungen haben gezeigt, daß fast alle die großen Aale unserer Binnengewässer Weibchen, also Aaljungfern sind und sich durch silbergrauen Bauch auszeichnen, während die viel kleineren, gelb- oder braunbäuchigen Aale an den Strommündungen und Haffen fast nur aus Männchen bestehen. Im Alter von 3-7 Jahren — je nach dem Ernährungszustand — wird die Aaljungfrau, deren ganzes Dasein bis dahin lediglich aus Fressen und Schlafen bestand, von einer unüberwindlichen Sehnsucht nach dem fernen Meere gepackt, in dessen tiefsten Gründen einst ihre Kinderwiege stand. Sie begibt sich auf die Reise und findet unterwegs eine sich ständig vermehrende Zahl von Gefährtinnen, die die gleiche Sehnsucht vorwärts treibt. Die Wanderung vollzieht sich namentlich in recht dunklen, stürmischen und unfreundlichen Nächten, in denen etwa je 15 km zurückgelegt werden, wird aber öfters durch Rast- und Erholungstage unterbrochen, so daß es geraume Zeit dauert, bis man am Ziele angelangt ist. Unzählige gehen unterwegs an der Tücke des Menschen oder an anderen Unbilden zugrunde, aber dafür treffen die Überlebenden in den Strommündungen mit den Männchen zusammen, so daß nun beide Geschlechter in traulichem Verein die Reise fortsetzen können, die noch gar weit ins Innere des Weltenmeeres hineinführt. Inzwischen haben die Eierchen, deren jedes Weibchen 1 bis 1-1/2 Millionen bergen soll, schon um das 2 bis 2-1/2fache an Größe zugenommen, aber erst durch die Berührung mit dem fruchtbringenden Meer entwickeln sich nun beider Geschlechter Organe zu derjenigen Vollkommenheit, die zur Ausübung des Laichaktes notwendig ist. Gleichzeitig wird der Aal zum Tiefseefisch, von Farbe dunkler und metallglänzend, mit spitzerem Kopf und weit größeren, 1 cm im Durchmesser haltenden Augen. An seine Laichplätze stellt er ganz besondere, sehr spezifizierte Forderungen. Sie sollen in ungefähr 1000 m Meerestiefe liegen, einen Salzgehalt von 3,52 Proz. und eine Durchschnittstemperatur von etwa 9° haben, was bei solch erheblicher Meerestiefe von vornherein nur in der Nähe des wärmenden Golfstroms möglich ist. Der Aal findet derartige Plätze erst weit draußen im offenen Atlantik, in einem halbmondförmigen Gebiet, das sich von den Faröern zur Küste Spaniens erstreckt. Hier wird also Hochzeit gefeiert in für das menschliche Auge undurchdringlichen Tiefen: die Binnengewässer sind des jungen Aales Tummelplatz, die Meerfahrt ist seine Brautfahrt, die Tiefe des Atlantik sein Hochzeitsbette und wahrscheinlich auch sein Grab. Wenigstens hat man keinen der so stürmisch zu den Freuden der Minne nach dem Meere strebenden Aale jemals wieder in die Ströme zurückkehren sehen. Vielleicht führen sie nach der Laichzeit noch ein unbeachtetes Dasein im grenzenlosen Ozean, wahrscheinlicher aber gehören sie zum Stamme jener Asra, »die da sterben, wenn sie lieben,« ähnlich wie die Neunaugen, deren Lebenslauf ja überhaupt manche Ähnlichkeit mit dem des Aales aufweist. Ihr Dasein hat ja auch keinen rechten Zweck mehr, denn für die Erhaltung ihrer Art haben sie überreichlich gesorgt. Die Myriaden kleiner Krebstierchen in der Tiefsee werden sich gierig über die Leichname herstürzen und diese nicht nur gründlich, sondern auch so rasch vertilgen, daß sie erst gar keine Zeit haben, durch Leichengase aufzuschwellen und an die Oberfläche emporzukommen. Da sich also die wichtigsten Lebensvorgänge des Aales im Meere abspielen, muß er unbedingt als ein Meeresfisch bezeichnet werden, der erst in zweiter Linie und nebenbei auch zum Süßwasserbewohner geworden ist. Beim Lachs verhält es sich gerade umgekehrt. Auch die abgelegten, auffällig kleinen Eier bleiben in der Tiefe, da ihnen ein flottierendes Element in Gestalt von beigegebenen Öltröpfchen, wie es viele andre Fischeier haben, fehlt, und dies ist ein Grund mehr dafür, daß sie so schwer und so selten aufgefunden werden. Ihnen entschlüpfen nun aber keineswegs fertige Jungaale, sondern gar seltsame Wesen, die eine Larvenform darstellen und wenigstens äußerlich so stark vom Aaltypus abweichen, daß man sie früher unter dem Namen Leptocéphalus breviróstris als eine eigene Art beschrieb, ohne ihren nahen Zusammenhang mit der heiß umstrittenen Fortpflanzungsgeschichte des Aales zu ahnen. Diese Wesen sind 6-8 cm lang, haben die flache Form eines Weidenblatts, dazu einen winzigen Kopf und eine kleine Schwanzflosse und bestehen im übrigen fast ganz aus mächtigen Muskelzügen. Ihr Blut ist farblos, das ganze Geschöpf wasserhell und durchsichtig wie Glas, so daß man durch seinen Leib hindurch sogar lesen kann. Die Tierchen kommen später bei Nacht an die Oberfläche des Meeres, während sie sich bei Tage in Tiefen von 100-150 m aufhalten. Allmählich wandeln sie sich zum Aal, wobei verschiedene Zwischenstadien durchlaufen werden. Der Leib wird dicker und runder, die Flossen bilden sich aus, und schließlich ist ein Geschöpf von echtem Aaltypus fertig, das aber etwas kürzer erscheint als die Larve (da diese zuletzt keine Nahrung zu sich nimmt) und zunächst auch noch glashell ist. Diese »Glasaale« begeben sich nun auf die Wanderschaft und suchen in dicht gedrängten Zügen Strommündungen zu erreichen. Zu Milliarden finden sie sich an geeigneten Plätzen ein, eine Erscheinung, die die Franzosen als »montée«, die Italiener als »montada« bezeichnen. Der Bristolkanal, der Ärmelkanal und der Busen von Biskaya sind ihre bevorzugten Einfallspforten. Wie riesenhafte Schlangen von 1-3 m Breite und entsprechender Dicke wälzen sich diese Züge dicht an den Ufern der Ströme entlang, getreulich alle Windungen und Krümmungen des Flußbettes mitmachend. Hier machen sie zum ersten Male unwillkommene Bekanntschaft mit dem Menschen, der nur mit dem Kätscher aus diesem lebenden Strome zu schöpfen braucht, um Millionen junger Fischleben zu vernichten und sich selbst einen flüchtigen Gaumenkitzel zu bereiten, indem er die zarten Dinger mit Eiern zu recht wohlschmeckenden Omeletten verbäckt. Von der fabelhaften Menge, in der die Glasaale bei solchen Gelegenheiten auftreten, kann man sich einen ungefähren Begriff machen, wenn man hört, daß z. B. im Severnfluß pro Fischer und Nacht nicht selten 500 Pfund und mehr gefangen werden, wobei man etwa 1000 Jungaale auf das Pfund rechnen kann. Die Tierchen haben sich während der langen Reise auch schon etwas weiter entwickelt und sind jetzt namentlich stärker pigmentiert, und bald nach dem Eintritt in die Flüsse schwindet die Glasfarbe ganz. Der Entwicklungszustand, in dem die ihren Namen jetzt kaum noch verdienenden Glasaale in die Flüsse eintreten, ist naturgemäß ein sehr verschiedener, je nach der Entfernung, die sie vom Geburtsplatze aus bis dahin zurücklegen mußten und je nach der darüber vergangenen Zeit. Die zur Ostsee und deren Zuflüssen wandernden Jungaale sind naturgemäß schon sehr viel weiter in ihrer Entwicklung vorgeschritten. Meist treffen die Jungaale im Frühjahr an den Küsten ein, nachdem ihre Verwandlung aus dem Leptocéphalus zum Glasaal etwa ein Jahr beansprucht hat. Die große Mehrzahl der Männchen bleibt in den Brackwässern und Strommündungen zurück, während die Weibchen weiter ziehen. Vielleicht verhält sich die Sache aber auch so, daß die Geschlechter bei den Glasaalen überhaupt noch nicht differenziert sind, sondern sich erst infolge der verschiedenen Ernährungsverhältnisse später herausbilden, wonach also die größeren Weibchen auf bessere Nahrungsverhältnisse hindeuten würden. In den Flüssen strebt die ganze Masse geschlossen vorwärts, aber bei jedem einmündenden Nebengewässer zweigt sich ein Teil ab, so daß die Hauptschar immer geringer wird und schließlich das ganze Heer sich verteilt wie der Blutstrom in den Adern eines Körpers. Entgegenstehende Hindernisse in Form von Wasserfällen oder Wehren überwinden die kaum bindfadendicken, schwächlichen Fischchen mit staunenswerter Rücksichtslosigkeit und Tatkraft. Mögen Tausende und Zehntausende dabei zugrunde gehen — ihre feuchten und schlüpfrigen Leiber bilden dafür die Brücke, die den andern den Übergang ermöglicht. Selbst der gewaltige Rheinfall von Schaffhausen, den die muskelstarken Lachse nicht zu nehmen vermögen, wird von diesen zähen Fischchen überwunden, und so erklärt es sich, daß auch im Bodensee Aale vorkommen. Da die Anwohner der Flüsse und Binnenseen die Einwanderung der geschätzten Fische natürlich sehr gern sehen, bemüht man sich vielfach, den Aalen entgegenzukommen und ihnen den Aufstieg über schwer zu überwindende Hindernisse zu erleichtern, indem man sogenannte Aalleitern anbringt. Es sind dies im Zickzack verlaufende, feucht zu haltende Holzrinnen, die durch Moos- oder Sandbelag Halt gewähren, oft auch mit Rippen und Querwänden versehen sind. Auf diese Weise hat man es den Aalen z. B. neuerdings möglich gemacht, die großen schwedischen Gewässer oberhalb der Trollhättafälle zu besiedeln, über die sie früher nicht hinwegzukommen vermochten. In besonders raffinierter und geschickter Weise aber haben schon seit alten Zeiten italienische Fischer in dem im südlichen Podelta gelegenen Lagunenstädtchen Comacchio die eigenartige Naturgeschichte des Aales praktisch zu nutzen verstanden, sozusagen instinktiv, ohne doch jene zu kennen. Man hat dort in den ausgedehnten Lagunen ein großartiges System von Schleusen und Kanälen angelegt, derart, daß die eintretende »montada« durch Beeinflussung mit Licht usw. in die Becken gelockt wird, worauf man den Rückweg absperrt. Die jungen Aale entwickeln sich nun unter sorgfältiger Hege während der nächsten Jahre, aber wenn sie dann der Wandertrieb ergreift und sie zum Meere herabziehen wollen, geraten sie in die Sammelbecken, wo sie herausgenommen und geschlachtet werden. 500 Beamte beansprucht die Verwaltung dieses berühmten Aalstaates von Comacchio, liefert dafür aber auch jahraus jahrein durchschnittlich 5 Millionen Pfund vorzüglichsten Aalfleisches. Nicht nur die italienischen Großstädte werden von hier aus versorgt, sondern ein guter Teil der gefangenen Aale wandert sogar in die Räuchereien Norddeutschlands. Denn hier wird der schmackhafte Fisch leider immer seltener, besonders im Ostseegebiet, was ja erklärlich erscheint, wenn man berücksichtigt, welch unzählige Fährlichkeiten die vielverfolgten Aale auf den weiten Reisen von und nach den entlegenen Brutplätzen zu bestehen haben. Überdies ist man gerade in Westpreußen vielfach so töricht gewesen, die Abflüsse der Seen durch Dämme zu sperren und so den Aalen die Rückwanderung unmöglich zu machen, und sie sind dann dort natürlich ausgestorben. Unter diesen Umständen ist es mit großer Freude zu begrüßen, daß die preußische Regierung neuerdings Millionen von Glasaalen aus dem Bristolkanal lebend nach norddeutschen Gewässern überführen ließ, wobei freilich anfangs tüchtig Lehrgeld gezählt werden mußte. Nach all dem Gesagten ist es wohl klar, daß eingeborene Aale nur in solchen Gewässern vorkommen können, die in einer wenn auch noch so weitläufigen und verzweigten Verbindung mit dem Meere stehen. Der oft gehörte Einwand, daß auch in völlig abgeschlossenen Teichen Aale gefunden wurden, läßt sich leicht entkräften durch die Erfahrungstatsache, daß häufig junge Fischchen durch Wasservögel im Gefieder oder an den Rudern in fremde Gewässer verschleppt werden. Sie müssen dort aber ebenso wie künstlicher Einsatz wieder aussterben, falls nicht rechtzeitig für frische Zufuhr gesorgt wird. Die in solchen Gewässern eingesperrten oder auf der Reise verirrten Aale werden schließlich zu alten Jungfern mit verkümmerten Geschlechtsorganen, erreichen dafür aber eine riesenhafte Größe und ein Gewicht von 15 und mehr Kilogramm, während es sonst bei 3/4-1-1/2 m Körperlänge nicht leicht über 5 kg beträgt und die Männchen kaum länger als 45 cm werden, also für Küchenzwecke wenig in Betracht kommen. Das weiße Fleisch des Aals ist zwar nicht leicht verdaulich, aber sehr fett und äußerst wohlschmeckend, und wird sowohl in frischem Zustande wie geräuchert oder mariniert allenthalben hoch geschätzt. An seinen Wohnplätzen im Binnenlande führt der Aal ein recht beschauliches Leben und nimmt bei seiner Gefräßigkeit rasch zu. Am liebsten sind ihm etwas tiefere Gewässer mit weichem Untergrund, in den er sich bei Tage tief einwühlt. Doch kommt er auch an allen möglichen anderen Örtlichkeiten vor. So fand ich ihn auf Teneriffa in ganz kleinen Rinnsalen zwischen felsigem Gestein, wo man ihn mit der Hand greifen konnte, nachdem der Hund sein Versteck gemeldet hatte. Auch am Bristolkanal jagt man bei Ebbe die im Meeresschlick zurückbleibenden Aale mit Hilfe von besonders darauf dressierten Terriers. Bei uns ist die üblichste und ergiebigste Fangart für Aale diejenige mit Reusen. Der Aal ist ein ausgesprochenes Nachttier, verläßt also erst mit Einbruch der Dunkelheit seinen Schlupfwinkel, um Nahrung aufzusuchen. Wegen seines kleinen Maules kann er zwar große Bissen nicht bewältigen, hält sich aber dafür durch die Menge des Verzehrten schadlos. Auf Fischlaich ist er sehr erpicht und pfropft sich damit, wenn er ihn haben kann, bis zum Platzen voll, ist deshalb in Zuchtteichen ein sehr ungern gesehener Gast. Ebenso haben die frisch gehäuteten, also weichen Krebse in ihm einen bösen Feind, und er vermag die schmackhaften Kruster durch fortgesetzte Verfolgung noch gründlicher auszurotten als die gefürchtete Krebspest, zumal er sich mit seinem geschmeidigen Schlangenleib durch unglaublich enge Spalten und Ritzen hindurchzuzwängen, ja gewissermaßen hindurchzubohren vermag. Seine ungemein schlüpfrige und schleimige Haut, in der die kleinen Schuppen ganz versteckt sitzen, und die ihm bei Gefahr manchmal das Leben retten mag, kommt ihm dabei auch sehr zustatten. Daß er eine erstaunliche Lebenszähigkeit besitzt, hat wohl schon jede Köchin zu ihrem Leidwesen erfahren. Recht gern geht er auch an Aas. Immer und immer wieder liest oder hört man, daß die Aale in feuchten Nächten Spaziergänge auf die den Teichen benachbarten Felder unternehmen sollen, um sich an den Erbsen gütlich zu tun. Die moderne Wissenschaft erklärt das kurzweg für ein Märchen, aber es ist insofern etwas Richtiges daran, als der Aal in der Tat infolge besonderer Schutzvorrichtungen an den Kiemen (sie stehen nur durch 1-2 schmale Seitenspalten mit der Außenwelt in Verbindung, sind also nicht so leicht dem Austrocknen preisgegeben) ziemlich lange außerhalb des Wassers auszuhalten vermag, und dieses auch manchmal freiwillig verläßt, wenn ihm der Aufenthalt in dem feuchten Elemente aus irgendwelchen Gründen ungemütlich wird. Dies ist z. B. bei elektrischen Entladungen der Fall, gegen die alle niedrig stehenden Fische eine außerordentlich große Empfindlichkeit an den Tag legen. Merkwürdig ist weiter die große Lichtscheu des Aales. Durch grelle Beleuchtung kann man ihn an jeden beliebigen Platz scheuchen, und hierauf beruht auch der Vorschlag des genannten dänischen Forschers Schmidt, alle zum Meer wandernden Aale in den Ostseeländern mit Hilfe von Scheinwerfern abzufangen und dafür alljährlich frische Glasaale einzusetzen, ein Vorschlag, der glücklicherweise selbst der beteiligten Fischereibevölkerung zu radikal erschienen ist. Interessant wie alles am Aale ist endlich auch noch seine Verbreitung. Sie ist eine sehr große, aber in allen zum Kaspi oder zum Schwarzen Meere abwälzenden Stromsystemen (Donau!) fehlt er völlig. Es ist das auch ohne weiteres erklärlich, da der isolierte Kaspi viel zu seicht ist, als daß er den Aalen geeignete Laichplätze bieten könnte, und da das Schwarze Meer schon in einer Tiefe von 2-300 m derart mit Schwefelwasserstoffgas gesättigt ist, daß die Larven darin gar nicht zu leben vermöchten. Allerdings hat man Jungaale mit Erfolg in der Donau eingebürgert, und es mögen auch einige durch die künstlichen Wasserstraßen vom Maingebiet her einwandern oder vom Mittelländischen Meere aus durch den Bosporus in die Donaumündung gelangen.
Kopf eines Rheinlachses mit schwach ausgebildeten Haken. (Naturaufnahme von Dr. E. Bade.)