Abb. 7. Makrele (Scomber scomber).
(Phot. von Oberl. W. Köhler, Tegel.)
Ein kleinerer, schlankerer und weit besseres Fleisch liefernder Vetter des plumpen Thun, die schnittig gebaute Makrele (Scomber scomber) mit der kunterbunten Zeichnung und dem wundervollen Opalschimmer auf dem zarten Schuppenkleid (Abb. 7) ist auch in unseren Meeren häufig. Massenhafter noch wird sie an den englischen und französischen Küsten gefangen und eingesalzen, ja es ist dort schon vorgekommen, daß man die allzu dicht gefüllten Netze ihres ungeheuren Gewichtes halber nicht wieder heraufzuziehen vermochte. Sehr gern folgt die gefräßige Makrele, an der das völlige Fehlen der Schwimmblase das Merkwürdigste ist, den großen Heringsheeren und zehntet sie nach Kräften. In England bildet auch das Angeln dieser wanderlustigen Fische vom Segelboot aus bei scharfer Brise einen beliebten Sport. Während die Makrele und noch mehr die fern von den Küsten im Atlantik Flugfische jagende und ihnen nachspringende Bonite (Scomber pelamys) vorzügliche Schwimmer sind, vermag der verwandte Schiffshalter (Echenéis remora) nur matte und plumpe Schwimmbewegungen zu vollführen. Er macht sich deshalb das Reisen gern bequem und läßt sich lieber von flinkeren Fischen fortschleppen, was ihm dadurch ermöglicht wird, daß seine vordere Rückenflosse zu einer breiten Haftscheibe umgewandelt ist, mit der er sich am Bauche seines Reisemarschalls festsaugt. Am liebsten wählt er dazu Haie, wohl weil deren rauhe Haut einen besonders sicheren Halt gewähren mag und weil sie weite Meeresstrecken durcheilen. Übrigens begnügt sich der Schiffshalter mit der Rolle des blinden Passagiers und wird nicht etwa zum Schmarotzer. Deshalb ist ihm auch ein Schiffsrumpf ebenso recht wie ein Fischleib, zumal ja immer allerlei nährstoffreiche Abfälle über Bord geworfen werden, worauf sich dann der Echeneis von seinem Platze löst und ihnen unter schlängelnden Bewegungen zustrebt.
In weiterer Ausbildung werden solche Symbiosen nicht selten zu echtem Raumparasitismus. In allen Meeren der Erde werden kleine Seefische gefunden, die irgendwelchen Leibesteil eines besonders wehrhaften Tieres sich zur Zufluchtsstätte erkoren haben und ihren Wirt gewöhnlich zwar nicht merklich schädigen, ihm aber auch keine Gegendienste für das gewährte schützende Obdach leisten. Am bekanntesten in dieser Beziehung ist Fierásfer acus, ein kaum 20 kg langes, gelblichweißes Fischchen von fast durchsichtiger Zartheit ohne Bauchflossen und mit weit nach vorn gerückter Afteröffnung. Er benutzt als Wohnung die sogenannten Wasserlungen der Seegurken, dieser absonderlichen Geschöpfe, die die merkwürdige Gewohnheit haben, die eigenen Eingeweide auszuspeien, wenn sie gereizt werden. Der Fisch dringt mit dem Schwanzende in die Afteröffnung seines Wirtes ein, schiebt allmählich den ganzen Körper nach und sieht nur noch mit dem Kopfe heraus. Das Atemwasser der Seegurke, das abwechselnd ein- und ausströmt, versorgt den Fierasfer mit Nahrung in Gestalt kleiner Krebstierchen. Manchmal aber, wenn sich ihm ein besonders fetter und leckerer Bissen darbietet, schießt er, wie Bergmann beobachtet hat, aus seinem Verstecke hervor. Möglich, daß er seinen Wirt auch von schmarotzenden Krebstierchen befreit; jedenfalls verursacht er ihm gewöhnlich keinerlei Unbequemlichkeiten. Wohl aber ist dies der Fall, wenn sich mehrere Fischchen in der gleichen Seegurke ansiedeln, die dadurch sogar zugrunde gehen kann. Bisweilen findet sich Fierasfer auch in anderen Seetieren, wie Seesternen, Quallen und Muscheln. So besitzt das britische Museum einige Stücke, die aus echten Perlmuscheln stammen und von diesen mit einer glänzenden Perlmutterschicht überzogen wurden. Der durch seitliche Bepanzerung ausgezeichnete Stöcker (Cáranx trachúrus), auch Halbmakrele genannt, der bisweilen in ungeheuren Schwärmen an den englischen Küsten auftaucht, aber wegen seines minderwertigen Fleisches nur wenig Beachtung findet, gehört im Jugendzustande gleichfalls zu den Raumparasiten, denn er lebt dann zwischen den Mundarmen und Tentakeln von Quallen, die ihn durch ihre Nesselzellen gegen Feinde schützen. Die jungen Fischchen kommen nur aus den Quallen hervor, wenn alles ringsum sicher erscheint, während sie sich beim geringsten Anzeichen von Gefahr sofort in ihre Schlupfwinkel flüchten. Der prächtig gefärbte Amphíprion bicínctus führt in ähnlicher Weise mit einer großen Seerose gemeinsamen Haushalt; stülpt sie sich ein, so läßt sich der Fisch ruhig von ihren Tentakeln bedecken, woraus sich schließen läßt, daß er gegen das Nesselgift unempfindlich sein muß. Auch stark bewehrte Seeigel müssen manchen kleinen Meeresfischen als Wohnung dienen. Plate fand während seines Aufenthaltes auf den Bahama-Inseln einen nur 3–6 kg langen, gelblich-weißen, schmutzig-braun gepunkteten Fisch, Apogoníchthys strómbi, in der Mantelhöhle von Riesenschnecken (Strómbus gígas), die dort als ein beliebtes Volksnahrungsmittel regelmäßig zu Markte gebracht werden. Wahrscheinlich verläßt hier der Einmieter das Wirtstier nur nachts, um auf Krebstierchen und Meeresasseln Jagd zu machen. Selbst in unseren nordischen Meeren fehlt es nicht an verwandten Erscheinungen. So konnte bei der Suche nach den Wohnplätzen der jungen Schellfische und Kabeljaue festgestellt werden, daß deren Auftreten auf das innigste mit dem mehr oder minder häufigen Vorhandensein von Kornblumenquallen zusammenhing. Bei ruhiger See ließ sich denn auch deutlich beobachten, wie die jungen Fische sich beständig zwischen den langen Nesselfäden der Quallen aufhielten, und wie ihre Eigenbewegung sich ganz darauf beschränkte, dem ruckweisen Weiterschwimmen der Quallen nachzukommen, die ihnen also zu Schirmherrn im wahrsten Sinne des Wortes geworden waren.
Abb. 8. Scholle. (Phot. von F. Ward.)
Nächst den Heringen und Schellfischen sind die der großen Gruppe der Plattfische oder Schollen (Abb. 8) angehörenden Arten die wichtigsten Nutzfische unserer Meere. Naturgeschichtlich interessant sind sie schon durch ihre weitgehende Anpassungsfähigkeit an die Farbe des Untergrundes und durch ihr damit im engsten Zusammenhang stehendes Farbwechselvermögen. Aber selbst diese wunderbaren Eigenschaften erscheinen den Plattfischen noch nicht ausreichend, um sich gegen die Nachstellungen der gefräßigen Raubfische zu sichern und sich selbst vor den Augen ihrer Opfer zu verbergen. Der größeren Sicherheit halber wühlen sie sich vielmehr gleich ganz in den Sand ein, so daß nur ein Teil des Kopfes mit den gleich blaugrünen Perlen funkelnden Augen hervorsieht. Dieses Einpaddeln geschieht mit so fabelhafter Schnelligkeit, daß man die einzelnen Bewegungen dabei kaum festzustellen vermag. Man sieht nur ein Aufwirbeln des Sandes, hastig zitternde und flimmernde Bewegungen der langen Bauch- und Rückenflossen, und der Fisch ist auch schon fast spurlos verschwunden. In Wirklichkeit vollzieht sich die Sache nach den Beobachtungen E. Schmidts so, >”daß die Flunder einmal fest mit dem ganzen Körper den Sand peitscht, der dadurch etwas ausgehöhlt wird. Zugleich schaufelt sie mit den großen Randflossen Sand auf die Körpermitte, der durch die dabei erzeugte Strömung gleichmäßig über den ganzen Fisch verteilt wird und diesen so dem Blick des Beobachters oder im Freien dem Auge des gierigen Raubfisches entzieht.“ Das eben erwähnte Auge der Plattfische verdient in doppelter Beziehung noch eine kurze Würdigung. Einmal ist es das einzige mir aus eigener Anschauung bekannte Fischauge, das einen gewissen seelischen Ausdruck widerspiegelt: es schaut förmlich klug, ja schelmisch und listig in die von unliebsamen Gefahren aller Art erfüllte Unterwasserwelt. Zugleich sind diese prachtvoll gefärbten Augen, die durch eine stark entwickelte Nickhaut geschützt erscheinen, von einer höchst seltsamen Beweglichkeit, denn sie können nicht nur nach den verschiedensten Richtungen hin willkürlich gedreht, sondern auch wie die der Frösche aus ihren Höhlen hervorgehoben und wieder zurückgezogen werden. In diesem unausgesetzten Augenspiel spiegelt sich jede seelische Erregung des Fisches ebenso deutlich wieder wie die des Hundes in seinen Schwanzbewegungen oder die gewisser Vögel in dem verschiedenartigen Zucken mit den Flügeln. Das Allermerkwürdigste ist aber nun der Umstand, daß bei der ausgebildeten Scholle beide Augen auf ein und derselben Körperseite liegen, wie überhaupt ihre ganze Kopfbildung derart unsymmetrisch ist, ja so verschroben erscheint, daß sie in dieser Beziehung im gesamten Wirbeltierreiche geradezu einzig dasteht. Freilich ist dem nicht von allem Anfang an so. Die dem Ei entschlüpften und sich massenhaft an der Oberfläche des Meeres herumtreibenden jungen Schollen sind nämlich noch ganz nach dem regelrechten Fischtypus gebaut, schwimmen auch in der sonst allgemein üblichen Weise mit dem Rücken nach oben und dem Bauch nach unten, haben auf jeder Gesichtshälfte je ein Auge und bergen im Innern ihres überaus zarten, fast glashellen und durchsichtigen Körpers eine stark entwickelte Schwimmblase, während zugleich die sonstige Beschaffenheit der inneren Organe unverkennbar darauf hinweist, daß makrelenartige Hartflosser etwa vom Typus der Gattung Zëus (Petersfische) ihre dereinstigen Vorfahren gewesen sein müssen. Aber schon nach kurzer Frist gehen sie vom lockeren Herumschwärmen zu einer soliden und untätigen Lebensweise über, indem sie immer größere Zeiträume in träger Ruhe auf dem Boden verbringen und sich hierbei auf eine Seite legen. Dieser neuen Lebensart paßt sich nun ihr ganzer Organismus in einer ans Wunderbare streifenden Weise an. Der Körper wird immer flacher und platter, bis er schließlich die fast scheibenförmige Form erreicht, die uns von den geräucherten Flundern her so wohl vertraut ist. Die dem Sand aufliegende Unterseite bleibt mehr oder minder farblos, während die Oberseite das geschilderte Farbwechselvermögen erhält. Die überflüssig gewordene Schwimmblase verkümmert rasch und verschwindet schließlich gänzlich, ein Vorgang, der durch den starken Druck von Wasser und Sand und durch die Einengung der Bauchhöhle wesentlich beschleunigt wird. Das auf der Unterseite nutzlos gewordene Auge aber rückt allmählich über die Scheitelmitte hinweg, und bei solchen Arten, bei denen die Rückenflosse bis zum Scheitel reicht, sogar unter jener hindurch zur Oberseite hinüber, die auf diese Weise zwei wohl ausgebildete Augen erhält. Wie der absonderliche Vorgang eigentlich des näheren zu erklären ist, darüber herrscht unter den Gelehrten noch keineswegs völlige Einstimmigkeit. Während die einen von einem ungleichmäßigen Wachstum beider Schädelhälften sprechen, fassen andere die Augenwanderung als eine mehr aktive auf, wobei der Einfluß des Lichtes der wirksame Faktor sein soll. Jedenfalls erfolgt sie schon zu einem Zeitpunkte, wo die Schädelknochen noch weich und knorpelig sind, also keinen großen Widerstand entgegensetzen. Hand in Hand damit geht auch eine entsprechende Veränderung der Augenmuskeln, deren spätere, auffallend große Beweglichkeit damit im engsten Zusammenhange stehen mag. Ebenso wird das Maul vollständig nach oben verdreht, so daß der alte Gesner ganz recht hat, wenn er von einem ”widerwärtig gesetzten Kopf“ spricht. Da die jungen Schollen schon sehr frühzeitig zu der dem Meeresboden anklebenden Lebensweise übergehen und von ihren verschiedenen Schutzmitteln gar bald den besten Gebrauch zu machen wissen, sind sie weit weniger als andere Jungfische den Nachstellungen der Meeresräuber preisgegeben, und so erklärt es sich, daß die Menge der Plattfische in allen Meeresteilen mit geeignetem Untergrund (Schlamm und Schlick wird gemieden, Sand vor feinem Geröll und dieses vor grobem bevorzugt) eine gewaltig große ist, obschon die Zahl der im Spätfrühling oder Frühsommer abgesetzten, frei, nahe der Oberfläche, treibenden und deshalb nur wenig geschützten Eier nur eine verhältnismäßig geringe ist, jedenfalls der vieler anderer Fische weitaus nachsteht. So kommt es, daß die Plattfische, die sich durch ein außerordentlich schmackhaftes Fleisch auszeichnen, das bei seiner Haltbarkeit sich namentlich auch zum Versand nach dem Binnenlande eignet, volkswirtschaftlich eine große Rolle spielen und ihr Fang jahraus jahrein Tausende von Fischern an den Nord- und Ostseeküsten beschäftigt, wobei freilich die deutschen so ziemlich in letzter Reihe stehen oder doch wenigstens vor kurzem noch standen. Die schönen Zeiten allerdings, wo auf dem Londoner Markte das Dutzend dreipfündiger Goldbutten vergeblich um einen Penny ausgeboten wurden, sind leider wohl für immer vorüber, ja bei einigen besonders geschätzten Arten, wie bei der delikaten Seezunge, macht sich infolge allzu schonungsloser Nachstellungen schon eine so besorgniserregende Abnahme bemerkbar, daß man bereits auf das Aushilfsmittel der künstlichen Zucht verfallen, dabei über das Stadium der Versuche aber noch nicht viel hinausgekommen ist. Tagsüber ruhen die Schollen gewöhnlich träge im Sande, und erst gegen Abend beginnen sie zur Jagd auszuziehen, wobei sie sich unter wellenförmiger Streckung des auch jetzt flach liegenden Leibes und seiner sehr schmiegsamen Flossen recht zierlich vorwärts bewegen und dabei die Schwanzflosse gewissermaßen als die treibende Schiffsschraube benutzen. Die kleineren Arten begnügen sich mit allerlei Gewürm, Krebs- und Muscheltierchen, aber die großen sind tüchtige Räuber, die sich selbst an die wehrhaften Rochen wagen. Bedrohte Plattfische schießen blitzschnell im Zickzack durchs Wasser, um sich dann schleunigst wieder im schützenden Sande einzupaddeln.