Rom als Republik.

VIII.
Brutus, erster Konsul der Römer.
(509 v. Chr.)

An Stelle des einen Königs traten von jetzt an zwei oberste Beamte, die Konsuln, die, vom Volke gewählt, beide zwar dieselbe Machtbefugnis als oberste Heerführer und Richter übten, wie bisher die Könige, aber ihr Amt nur ein Jahr lang bekleideten und sich gegenseitig an Ausschreitungen hindern konnten. Die ersten Konsuln waren Brutus und Collatinus.

Obschon die Vertreibung der Könige von den alten Geschlechtern, den Patriziern, ausgegangen war, so waren doch nicht alle Patrizier damit zufrieden. Zumal die jüngeren unter ihnen, welche den Glanz und die Freuden eines königlichen Hofes vermißten, fanden sich nicht leicht in den neuen Zustand, und warteten nur auf eine Gelegenheit, um den König zurückzuführen. Als der König von dieser Stimmung Kunde erhielt, schickte er alsbald Gesandte nach Rom, unter dem Vorwande, daß sie die Herausgabe seiner Güter fordern sollten, in der Tat aber, um eine Empörung zum Sturz der Konsuln zuwege zu bringen. Mehrere junge Patrizier, unter ihnen sogar die Söhne des Konsuls Brutus, ließen sich dafür gewinnen und warben unter ihren Freunden zahlreiche Genossen. Man verabredete an einem bestimmten Tage die Konsuln zu töten und zugleich dem König die Tore der Stadt zu öffnen, und schrieb einen Brief an ihn, um ihn zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Allein, ehe noch die Gesandten mit dem Briefe Rom verlassen konnten, wurde die Verschwörung entdeckt. Ein Sklave hatte eine Zusammenkunft der Verschworenen belauscht und ihren Plan den Konsuln angezeigt. Diese ließen sofort die Gesandten und die Verschworenen ergreifen, und der vorgefundene Brief bezeugte unwidersprechlich ihre Schuld. Die Gesandten wurden, dem Völkerrechte gemäß, unverletzt entlassen, die ganze Habe des Königs aber dem Volke preisgegeben, sein großer Landbesitz nordwärts der Stadt bis zur Tiber dem Kriegsgott geweiht und seit der Zeit Marsfeld (campus Martius) genannt.

Die Verschworenen wurden in Fesseln vor die Konsuln geführt, welche auf ihren Amtsstühlen zu Gerichte saßen. Da sie nichts zu ihrer Verteidigung vorbringen konnten, so verurteilte sie Brutus, der Vater die eigenen Söhne, zum Tode. Diese Strenge machte auch dem Collatinus, dessen Neffe unter den Verschworenen war, ein milderes Urteil unmöglich. Mit fester Miene und unverwandtem Blick sah Brutus seine Söhne mit Ruten geißeln und dann mit dem Beil hinrichten. Darauf bewog er das Volk zu dem Beschluß, daß auch alle Verwandten des Königshauses verbannt sein sollten. Da zu diesen auch der Konsul Collatinus gehörte, so legte er sein Amt nieder und ging in die Verbannung. An seine Stelle trat der oben erwähnte Publius Valerius.

Tarquinius suchte von nun an mit Waffengewalt die verlorene Herrschaft wiederzugewinnen. Er rückte mit einem Heere, das ihm die etruskischen Städte Veji und Tarquinii gestellt hatten, gegen Rom. Die Bürger zogen ihm entgegen. Am Walde Arsia kam es zum Treffen. Als Brutus und Arnus, beide an der Spitze ihrer Reiterei, einander ansichtig wurden, sprengten sie, von gleichem Haß und Kampflust getrieben, gegen einander an. Beide fielen, jeder vom andern zu Tode getroffen. Darauf entbrannte die Schlacht allgemein und dauerte ununterbrochen bis gegen Mitternacht. Plötzlich erscholl aus dem Forste die Stimme des Waldgottes: „Bei den Etruskern ist ein Mann mehr gefallen, der Sieg gehört den Römern!“ Da gaben die Etrusker die Sache verloren und wandten sich zur Flucht, und die Römer kehrten als Sieger nach Hause. Den Brutus bestatteten sie auf das ehrenvollste, und die römischen Frauen betrauerten ihn ein ganzes Jahr wie einen Vater.

IX.
Krieg mit König Porsenna.

Tarquinius ließ die Hoffnung, die Königswürde wieder zu erlangen, noch nicht fahren. Er begab sich in den Schutz Porsennas, des mächtigen Fürsten der Stadt Clusium in Etrurien. Der Krieg, den dieser deshalb mit Rom begann, erreichte zwar nicht das eigentliche Ziel, die Herstellung des Tarquinius als römischen Königs, aber die Römer mußten, trotz heldenhafter Gegenwehr, einen Teil ihres Gebietes an Porsenna abtreten. Von diesen Heldentaten berichtet die Sage folgendes.