Marcus Aurelius Antoninus, in Spanien geboren, war von Antonius Pius zusammen mit dessen zweitem Adoptivsohn zum Nachfolger ernannt worden. Mit edlen Anlagen des Geistes und Herzens begabt, hatten ihn ausgezeichnete Lehrer schon früh in die Lehren der griechischen Weisheit eingeführt, die auf seine Regierung von großem Einfluß wurden. Mit der ganzen sittlichen Kraft, die er aus der Beschäftigung mit dieser Weisheit schöpfen konnte, bestand er die mannigfachen Stürme, die während seiner neunzehnjährigen Regierung (161–180) über ihn und sein Reich kamen. Er sorgte für Recht und Gesetze und beobachtete eine weise Sparsamkeit in der Verwaltung. Besonders lag ihm die Besserung der Sitten am Herzen. In den Christen aber sah er eine staatsgefährliche Partei und ließ sie besonders in Kleinasien und Gallien grausam verfolgen. Seine Milde und Wohltätigkeit zeigte er, als Rom von einer Überschwemmung und Hungersnot heimgesucht ward. Zu derselben Zeit wurde das Reich durch die Einfälle der Germanen und Parther im Norden und Osten beunruhigt. Am furchtbarsten war der schwere und langwierige Krieg gegen die germanischen Markomannen (166–190), der das römische Reich an den Rand des Untergangs brachte und die Römerwelt in eine solche Angst versetzte, daß einer auf dem Markte zu Rom den Untergang des Erdballes verkündete. Alle Donauvölker erhoben sich wie in einem Bunde vereinigt, darunter besonders die Markomannen (in Böhmen) und Quaden (in Mähren und Ungarn), stürmten über die Donau in die römischen Provinzen und schleppten unter furchtbaren Verheerungen ganze Bevölkerungen hinweg. Zu diesem Unglück kam noch die Pest, welche die Legionen aus Asien mitbrachten und die nun auch Italien und andere westliche Provinzen verheerte. Zwar zog Marcus Aurelius gegen die Quaden und schlug sie mehrmals, feierte auch zu Rom einen Triumph, aber die Markomannen und ihre Verbündeten brachen immer wieder los und nötigten den Kaiser zu neuen Feldzügen. Um die Mittel dazu aufzubringen, verkaufte er seine Kostbarkeiten und Kunstschätze, bewaffnete Sklaven und Sträflinge, und nahm sogar zur Wahrsagerei seine Zuflucht. Auf den Rat eines ägyptischen Wahrsagers ließ er zwei Löwen über die Donau treiben, um die Barbaren durch diesen Anblick zu erschrecken. Allein die Germanen hielten die Löwen für große Hunde und schlugen sie mit Prügeln tot. In einer bald darauf folgenden Schlacht töteten sie 20000 Römer.

Auf einem seiner Feldzüge stand der Kaiser mit seinem Heere diesseits der Gran, eines Nebenflusses der Donau in Ungarn, in einer wasserlosen Gegend, rings von Feinden eingeschlossen. Er und alle die Seinen waren dem Verschmachten nahe, als plötzlich ein Gewitter mit Regengüssen erfolgte und die Erschöpften, die den Regen in ihren Schildern auffingen, erfrischte. Nach einer christlichen Legende war der Gewitterregen eine Folge des Gebets der zwölften Legion, die meist aus Christen bestand, während römische Berichte ihn dem Gebete des Kaisers zuschrieben. Es war dem Kaiser nicht vergönnt, den Krieg gegen die Markomannen und Quaden zu beendigen. Er starb zu Vindóbona (Wien). Sein unwürdiger Sohn Commodus (180–192) erkaufte von ihnen einen schimpflichen Frieden.

XXXV.
Bis zum Ausgange des weströmischen Reiches (180–476).

Mit Marcus Aurelius schließt die Reihe der guten Kaiser. Zwar folgte noch eine große Anzahl von Imperatoren nach ihm, von denen aber nur sehr wenige verdienen hier erwähnt zu werden. Die innere Zerrüttung des Reiches, der Verfall der Sitten, die Schwäche nach außen nahmen immer mehr zu, und es zeigte sich in jeder Beziehung, daß die römische Welt sich ausgelebt hatte. Ein anderes Volk war berufen an ihre Stelle zu treten, das morsche Gebäude des römischen Reiches zu zertrümmern und Träger des Christentums zu werden. Dieses Volk waren die Germanen.

Aber noch ehe die Germanen das alte Reich in den Staub traten, feierte das Christentum einen vollständigen Sieg über das Heidentum. Konstantinus der Große[1] (306–337) gewährte dem Christentum die staatliche Anerkennung. Damit hörten die Verfolgungen der Christen auf, und der Glaube an den Erlöser, zu dem sich Konstantinus selbst bekannte, verbreitete sich immer weiter. Auch ward die Regierung dieses Kaisers noch dadurch von großer Bedeutung, daß er die Residenz von Rom nach Byzantion verlegte, das ihm zu Ehren den Namen Konstantinopolis erhielt.

Nach seinem Tode waren noch nicht vierzig Jahre verstrichen, als durch die Ankunft der Hunnen, die aus Asien in Europa einfielen, der Anstoß zur sogenannten Völkerwanderung gegeben wurde (375). Seitdem hörten die Angriffe der Germanen gegen das römische Reich nicht mehr auf, und nur mit Mühe vermochte der römische Kaiser Theodosius der Große (378–395) die in das oströmische Reich eingedrungenen Westgoten zu beruhigen. Dieser Kaiser vereinigte noch einmal das ganze römische Reich unter seinem Szepter. Vor seinem Tode (395) teilte er das Ganze unter seine Söhne Honorius und Arkadius, von denen jener das weströmische oder lateinische Reich mit der Hauptstadt Rom, dieser das oströmische oder griechische Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel erhielt. Die Feindschaft beider Brüder machte die Teilung zu einer dauernden. Gegen das weströmische Reich richteten sich jetzt die stürmischen Angriffe der Germanen, die nach und nach eine Provinz nach der andern, Spanien, Gallien, Afrika und Britannien, davon losrissen, bis endlich im Jahre 476 Odoáker, ein Anführer deutscher Soldtruppen, den letzten römischen Kaiser Romulus Augústulus absetzte und sich zum Könige von Italien machte. Dadurch ward dem weströmischen Reiche ein Ende gemacht, während das oströmische oder byzantinische Kaisertum im Laufe des Mittelalters zwar immer mehr an Umfang und Macht verlor, aber sich doch in der Hauptstadt erhielt, bis auch diese im Jahre 1453 von den Türken erobert wurde.

[1] Als Konstantin gegen Maxentius in den Streit zog, betete er eines Nachmittags voll Andacht zu dem Gott der Christen. Da erschien ihm ein Zeichen am Himmel in Gestalt eines glänzenden Kreuzes mit der Inschrift: In hoc vinces! (In diesem Zeichen sollst du siegen!) Nachts erschien ihm Christus im Traum und befahl ihm dieses Sinnbild zum Kreuzespanier zu machen. Er ließ nun eine Kriegsfahne anfertigen, die seine christlichen Streiter mit begeistertem Mute erfüllte und ihm in der Schlacht an den „roten Steinen“ (saxa rubra) in der Nähe Roms den Sieg über Maxentius verschaffte (312). So erzählt ein christlicher Schriftsteller.


Verlag von Gerhard Stalling, Oldenburg i. Gr.