Von Dr. H. Stübler, Bautzen
Die Zschemelschka? Wer ist das? Ist es eine wendische Dorfschöne? Ja, wenn sie der geneigte Leser besuchen will, muß er von Bautzen aus in die nördliche Teichgegend ziehen. Er kann sie in fünf Viertelstunden erreichen, wenn er an einem schönen Frühlingsnachmittag die Muskauer Straße hinauswandert und hinter Burk nach Doberschütz zu abbiegt. Besonders schön wird sie ihm erscheinen, wenn rosenroter Abendsonnenschein sie umleuchtet. Dann wird sie sich offenbaren als eine verborgene kleine Naturschönheit: die Zschemelschka ist nämlich ein letzter Rest eines aus dem Granit herausgewitterten Quarzriffes. Das deutet auch ihr Name an: denn darin steckt das wendische Wort für Quarz = křem. Wie beispielsweise aus dem niederdeutschen krischan = Christian über Kschischan schließlich der in der Lausitz häufige Familienname Zschieschan geworden ist, so hat sich jener Stamm křem im Munde der Umwohner zu Zschem-elska, Zschem-elschka verwandelt.
Da die weißen Felsen, die leider schon zur Hälfte abgebaut sind und als harter Klarschlag im Schotter der benachbarten Straßen und Fahrwege begraben liegen, weithin leuchten, ist es nicht allzu schwer, sich auf Feldwegen und Rainen zur Zschemelschka heranzupirschen. Dem Landmann liegt sie höchst unbequem mitten in Feldgebreiten, und ich glaube wohl, daß er nichts dawider haben würde, wenn sie eines Tages völlig zersprengt und abgebaut würde, wenn das unfruchtbare Riff so verschwände, die Grube aufgefüllt würde und der Pflug darüber hinziehen könnte.
Die Zschemelschka bei Niedergurig, Bezirk Bautzen
(Phot. Rich. Huth, Bautzen)
Dem Naturfreund und dem Forscher aber wird »der Stein des Anstoßes« zu einem Naturdenkmal. In der Richtung NW–SO erstreckt sich das weiße Quarzriff, etwa fünf Meter am Grunde breit, fünfundzwanzig Schritte lang, und der bereits abgebaute westliche Teil war etwa ebenso lang. Aus der Sprenggrube wuchern Salweide, Hasel, Hirschholunder, Weißdorn, Wildkirsche, Eberesche; am östlichen Ende treibt eine erst im Kriege gefällte Eiche neue Stockausschläge; den Fuß der Quarzmauer schmücken im Sommer allerhand Stauden und Gräser, Brombeerranken und Himbeerruten, Rumex, Johanniskraut, Fetthenne, Weidenröschen, Wollkraut, Steinnelken, Besenstrauch. Aber selbst in die schutterfüllten Längsrisse drang der Pflanzenwuchs ein, ja der harte, lebensfeindliche, »nackte« Fels mit seinen wohl durch Mangan- und Eisenbeimischung rötlichfleischfarbenen und violetten Adern ist mit schwärzlichen Schrift- und grünlichen Schüsselflechten getüpfelt, hie und da schon von einem Mooskissen besetzt worden. Die höchsten Teile werden gerne von Raubvögeln als Auslug und Kröpfstellen benutzt; in den Rissen spannen Spinnen ihre Fangnetze und Brutwiegen; Kaninchenhöhlen und allerhand Tierlosung verraten besonders an der windgeschützten, sonnenbeschienenen Südseite auch andere Liebhaber der Zschemelschka.
Den Naturfreund wird der Aus- und Umblick erfreuen. In der Längsrichtung des Riffes schaut er über das in der Teichaue der Spree gelegene Doberschütz und Niedergurig nach NW hin bis zur spitztürmigen Kirche von Quatitz; nach SO über den Bytschin bei Breitendorf zum Doppelgipfel des Löbauer Berges und zum Rotstein bei Sohland. Nach N haftet der Blick an den kleinen Gehölzen der nächsten Granitkuppen, z. B. an dem Teufelsstein bei Pließkowitz mit seinen hünengrabähnlichen Gipfelklippen im Zwergwalde grüner, später gelbblühender »Ginster«büsche, am Windmühlenberge bei Gleina, an den Essen des Braunkohlenwerkes von Kleinsaubernitz. Am lohnendsten aber ist der Südausguck: erst bauen sich mit dunklem Nadelwald, aus dem im Frühjahr helleres Laubgrün aufleuchtet, die rundlichen Granitkuppen der Kreckwitzer Höhen auf: Krähen-, Linden-, Mittel- und Birkberg; dahinter aber staffeln sich wunderschön fernblau die nicht abgesunkenen Basteien des Granitberglandes vom Hochstein bis zum Klosterberge: das türmereiche Bautzen liegt malerisch dazwischen.
Dem Forscher erzählt die Zschemelschka mehr – er erinnert sich des »Pfahls« im Bayrischen Wald, der hundertdreißig Kilometer lang von Amberg bis Passau in einem ähnlichen Granitgebiete schnurgerade dahinzieht und oft auch ähnliche Mauern und Riffe bildet, wie hier die Zschemelschka eins ist. Und wenn er die geologischen Karten zu Rate zieht, so erkennt er bald, daß sie auch nur ein »hervorragender« Teil eines »Lausitzer Pfahls« ist, der sich von Maltitz bei Weißenberg bis Schmerlitz westlich Königswartha über fünfunddreißig Kilometer weit verfolgen läßt. Quarz ist hart; der umgebende Granit verwitterte eher und rascher, so blieb das Riff erhaben in der Landschaft stehen und bildete ragende weißliche Mauern. Bei Belgern[2] im SO errichteten auf einem an hundert Meter breiten Stück dieses Quarzganges, von dessen ragender Höhe man einen weiten Umblick hat, schon die Urbewohner unserer Lausitz eine Ringwallwohnstätte. Aber dort ist die Quarzmauer schon gewaltig abgebaut.
[2] Bel-gern, vergl. Belgrad = Weißenburg, wegen der weißen Farbe des Quarzgangs.
Die schnurgerade Richtung des langen Quarzganges, der übrigens im Granitlande südwärts zahlreiche größere und kleinere, meist ähnlich verlaufende, aber oft nur noch an Lesesteinen erkennbare Brüder hat, bezeugt uns, daß wir hier an der Grenzscheide zweier gegeneinander abgesunkener oder verschobener Granitschollen stehen, deren Abrißfuge durch nachdrängende kieselsäurereiche Lösungen aus der Tiefe ausgekittet wurde, wie ja in Augustusbad bei Radeberg noch heute an die Quarzgänge Mineralquellen gebunden sind. Sonst haben sich in solchen Spaltenfüllungen oft auch Erze mit ausgeschieden, aber unsere Lausitzer Gänge sind meistens »taub« – auch die Zschemelschka. Aber indem nun das harte Quarzfüllsel der Spalte durch die jahrtausendelange Verwitterung zum ragenden Riff aus der Umgebung sich heraushob, indem es den darüber hingleitenden Eismassen Trotz bot, die die Kuppen der Kreckwitzer Höhen zu »Rundhöckern« abschliffen, ist die Zschemelschka ein »beredter« Zeuge erdgeschichtlichen Werdens auf Lausitzer Boden geworden, wert, erhalten und geschützt zu werden, ehe sie das Schicksal der »Steinklunse« im Cunewalder Tal trifft; denn die ist längst zersprengt und zerschlagen. Wer mehr davon zu lesen wünscht, der möge den letzten Dreijahrsbericht der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Isis in Bautzen (1916–1918) nachschlagen, der noch mancherlei anderes Neues aus der Natur der Heimat enthüllt.