In einem Glasschranke sind allerlei Musterstücke der Seiffener Kunst ausgestellt, um die Kauflust anzuregen und damit dem Orte zu dienen. Der Schrank wirkt freilich in seiner Form mit den geschwungenen Linien und krausen Schnitzerei und Spitzchen des oberen Abschlusses hier etwas fremdartig, als habe er sich hierher verlaufen und verirrt aus einer anderen Welt. Das hat der Künstler wohl empfunden und hat ihm, ohne helfen zu können, ein paar Bauernblumen auf die Stirn und unten an den Schubkasten gemalt. So wirkt er in der echten einheitlichen Raumstimmung gekünstelt und falsch, wie der Salontiroler in der Dorfschenke. Auch das Klavier dort an der Wand wird dadurch, daß auf die schwarze Politur ein paar kecke Bauernblumen gemalt werden, nicht »echt«, wird nicht aus einem Salonwesen zu einem erzgebirgischen Bauernkind. – Gerade auf diesem Gebiete liegen noch viele ungelöste Aufgaben, würdig der Mühe tüchtiger Künstlerhände. Die Gewohnheit läßt oft Mängel auf diesem Gebiete übersehen, die in einer neuen fein abgestimmten echten Umgebung plötzlich auffallen und die Sehnsucht nach Neubildung und neuem Leben und Schaffen hervorrufen. Im neuen Lichte sieht man alte Formen, und klarer sieht man, was not tut; den falschen Ton einer Saite hört man schärfer, wenn alle andern Saiten und Instrumente gut gestimmt sind, wie hier. Doch diese kleinen Unstimmigkeiten sollen uns die herzliche Freude und das Behagen an dem stimmungsvollen echt erzgebirgischen Raum nicht stören. Die herzliche Freundlichkeit der Besitzer und Bewahrer dieses Seiffener Schatzkästleins, des Herrn Richard Meyer nebst Gattin, die frohmutig das Ganze liebevoll erdacht und geschaffen haben, die Güte der Bewirtung und die Fröhlichkeit der Gäste lassen bald jene Stimmung aufkommen, in der der Alltag weit hinter uns liegt. Nicht in Lärm und jagendem Witz und Scherz, nein, in jener tiefen freudigen Stimmung sind wir beieinander, in der einer den anderen versteht, und freudig aus seinem Innern gibt, weil er fühlt, nur so kann eine gute Stunde ihren Wert als wahrhaft frohe Stunde bringen. –

Abb. 4 Seiffen, Buntes Haus

Wir betrachten dann den Nebenraum, der im Gegensatz zu der echt volkstümlichen Seiffener Stimmung der Gaststube mehr auf hohe Kunst und »Herrenstube« gestimmt ist. Er wird beherrscht von den Gemälden mehrerer Künstler, welche hier das hohe Lied der Schönheit heimatlicher Landschaft singen. E. Buchwald, Zinnwald, Alfred Hofmann, Stollberg, Alfred Kunze, Chemnitz, Professor Seifert, Seiffen, der Neubeleber und Anreger der Seiffener Kunst, und Gerhard Dreßler, der Künstler, dem die stimmungsvolle Einrichtung des Hauses hier zu danken ist, sie alle reden dort mit stummer eindringlicher Sprache von der Heimat, wie sie ihnen dort durch die Seele gegangen ist, und ihre Bilder beseelen den Raum. Ein Gasthauszimmer, ein Kneipenraum, und doch geweiht und frohmachend durch die Kunst.

Wie muß man dem mutigen Unternehmer danken, diese Lösung der Frage »Kunst und Kunsterziehung« für das Volk, so fest angepackt und durchgeführt zu haben hier oben im erzgebirgischen Dorfe, während in den Großstädten auch in den besten Gaststätten meist nur Plakate oder minderwertige Kunst oder Kitsch zu finden ist. Wenn nur in jeder besseren Gaststätte im Lande nur ein oder zwei Originalkunstwerke hingen, angeschafft für das Geld, das anderweitig für die Augen- oder Ohrenmarter der Gäste hinausgeworfen wird und besser erspart bliebe, so wäre unserer notleidenden Kunst geholfen und durch die Erziehung und Freude, welche jedes echte Kunstwerk gibt, würde reicher Segen geschaffen. Könnten nicht die vornehmeren Gaststätten zugleich stimmungsvolle Ausstellungsräume sein für Kunstwerke, die sich hier dem Käufer in jeder Beleuchtung zur ruhigen Betrachtung darbieten und für sich und den Künstler unaufdringlich werben können in Räumen, die der heimischen Wohnung ähnlich sind? Alle Teile, der Wirt, der Gast, die Kunst und der Künstler hätten ihren Vorteil dabei.

Solche Betrachtungen und Lehren regt die Herrenstube hier im Seiffener Erbgericht an, während die Sonne durch die bunten Scheiben blinkt und leuchtende Farbenflecken auf die blankgescheuerten Tische wirft. In den Fenstern sind buntfarbige Wappen und Tierbilder: wie Elster, Eichhörnchen, Fuchs, Hase angebracht, und oben im Laubwerk und Nadelgezweig des breiten Wandfrieses tummelt sich fröhlich allerlei Getier des deutschen Waldes frisch und keck ohne ängstliche Schablone hingemalt, wie es der Phantasie des Künstlers entsprang. So regt es auch wieder die Phantasie an und macht die Gedanken fröhlich.

Die Balken der Decke sind sichtbar mit grünem Anstrich, und ringsherum läuft ein Fries in Breite des Balkenfeldes mit lustigen Blumenkränzen in Grün, Weiß und Hellblau auf schwarzem Grunde. Eine besondere Zierde des Raumes sind neben dem Holzleuchter an der Decke mit einem Bergmann in der Mitte noch die geschnitzten dreiarmigen Holzleuchter auf den Tischen, welche in ihrer leuchtenden Farbigkeit und mit ihren fröhlichen Motiven das Auge anziehen. Als Mittelstück zwischen den drei Armen sprengt dort z. B. ein Reiter im leuchtend roten Rock mit einem Jagdhorn auf einem Apfelschimmel über ein Fichtenbäumchen hinweg, dort ist es ein stolzer springender Hirsch, dort wieder der Kopf des Hubertushirsches mit dem Kreuz zwischen den mächtigen Stangen. Das ist Volkskunst, welche erzählt, welche Seele und Gedanken hinausführt aus dem grauen Alltag in Wald und Heide und das Herz fröhlich macht. – –

So geht es dir im ganzen Hause! Soll ich jeden Raum dir schildern? Nein, komm und sieh und freue dich, daß ein solches Werk in einem Gusse ganz aus dem Geiste der Volkskunst, der Heimatfreude und des Heimatschutzes heraus geschaffen ist. Schaust du in die Gastzimmer, so findest du keine Hotelschablone. Nein, Bett und Leuchter, Tür, Stuhl und Spiegel sind dem Geiste des Ganzen angepaßt. Kleine Originalgemälde schmücken die Wand, die du, wenn sie dir besonders gefallen, sogar für mäßigen Preis erwerben kannst. Manch launiger Vers grüßt dich. An der Kammer der Magd steht warnend der Vers:

»Die Wirtin thut aufwecken

die faule, faule Magd,