Was soll ich nun, nach dem eigentlichen Höhepunkt des Festes, noch erzählen? Der Schuldirektor spricht einige Worte, dann ertönt ein neues Lied, hierauf setzt sich der Zug durchs Klostertor nach dem Markt in Bewegung, singt hier, nach vollendetem Aufmarsch, abermals und rückt dann durch die Bautzner Straße bis zum Eulenberg, wo er sich auflöst. Alles eilt nach Hause, oft von der treusorgenden Mutter oder dem lieben Vater oder Bruder in Empfang genommen, die dann den schweren Kranz abnehmen, um ihn nach Hause zu tragen. Dort aber läßt es der »kleinen Welt« keine Ruhe, sie können kaum Kaffee trinken, dann gehts eiligst nach den Wiesen auf dem Forstfestplatz, wo die Kleineren spielen, die Größeren kegeln oder schießen. »Herr Manke, wir wollen mal das machen,« bittet so ein kleines Mädel und flüstert ihrem geduldigen Lehrer ihre Wünsche ins Ohr, »Herr Klugmann, kanns losgehen?« meint ein größerer Junge schon selbstbewußt, denn er brennt darauf, als erster den bunten Vogel da oben um einen Span zu erleichtern, und ist dann wenig erbaut, als, unter Freudegeheul der ganzen Meute, sein Schuß »in weitem stets geschweiftem Bogen hinauf bis in des Himmels Blau« fliegt. Die lieben Angehörigen stehen dabei, um ein bißchen zuzusehen, aber ihre »Herren« Kinder haben heute meist keine Zeit, denn da gilts bald mal einen großen Zwieback zu holen, der dieses Jahr an Stelle des »Würstchens mit Semmel« getreten war und auch nur deshalb, weil die Stadtväter in kluger Berechnung auf die gute Laune der Forstfestbesucher eine allgemeine Feststeuer in Höhe von fünf Meter eingeführt hatten, bald »muß« man auf der Riesenbahn, der Luftschaukel oder dem Karussell fahren oder »Modo homo« (!) dem lebenden Toten, von dem sein Herr in eindringlicher Sprache versichert, daß ganze Berge Geschirr vor ihm zerworfen werden könnten, ohne daß er aus seiner Suggestion erwache (»er hat gut reden, nur wird heute kein Geschirr zerschmissen,« meinte einer recht trocken), während das Fräulein an der Kasse ebenfalls in Hypnose fällt, aber jedesmal wieder erwacht, wenn einer sich zur Kasse »drängt«, einen Besuch abzustatten. Ja, ja, die guten Eltern werden eigentlich erst dann wieder gebraucht, wenn das nötige Kleingeld fehlt. – – –

Den folgenden Tag ziehen nur die oberen Klassen aus, hinaus in den Forst zum Schauturnen. Am Mittwoch ist »Lehrerschießen« – es soll meist recht »fröhlich« dabei zugehen, doch darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Und am Donnerstag wiederholt sich nur der Auszug vom Montag, ebenso das Spielen und Schießen.

Abends aber bei Dunkelwerden ist der »Einzug« der Kinder mit Musik und Buntfeuer. Die meisten Häuser, durch die sich der Zug bewegt, haben illuminiert und der Jubelruf der Kleinen mit ihrem »Vivat, vivat hoch!« will kein Ende nehmen. Bis zum Markt bewegt sich der Strom, dort findet das schöne Fest mit einer kurzen Rede des Direktors, dessen Schlußworte meist die typische Wendung haben: »Morgen früh um 8 Uhr auf Wiedersehn! Gute Nacht!« und dem schönen Leuthener Choral »Nun danket alle Gott« seinen offiziellen Schluß.

»Offiziell« sage ich, denn daran halten sich die Bogenschützen absolut nicht, denn dieses Völkchen zieht vielmehr am Freitag mit großem Tschingterassassa durch alle Straßen der Stadt, um, wie es »offiziell« heißt, die Würdenträger des vorigen Jahres, die Fahne und so weiter abzuholen, aber ich glaube, sie wollen auch die Stadt ein bißchen aus dem Schlafe wecken nach dem bekannten Unteroffiziers-Weckruf: »Aufstehen, ich muß auch aufstehen!« Nun, jedenfalls macht das viele Herumziehen auch durstig, und deshalb wird öfters mal Halt gemacht und eingekehrt, einmal beim »Schützenbruder« Büsche, dann im »Feuerhaus«, und so geht das erst noch eine Weile so fort. Jedenfalls ist es meist schon etwas spät–er, bis man sich zum regelrechten Ausmarsch aufmacht – natürlich in den Forst, wo auch wieder eifrig ge–so–en, i nu, geschossen wird.

Damit ist aber nun auch wirklich das Forstfest ganz zu Ende und die Schaubudenleutchen und Luftschaukelbesitzer müssen ihr Krämchen zumachen – bis zum nächsten Male.

Fußnoten:

[3] So war in diesem Jahre (1922) aus dem fernen Amerika ein Kamenzer hergekommen, und hat – dank der Valuta – manchem Kinde und auch Erwachsenen mit seinen Dollars eine Freude gemacht.

[4] Mit Ausnahme des ersten Verses, dessen Verfasser mir unbekannt ist. Früher – vor 1892 – wurde der erste Vers des jetzigen Liedes gesungen und dann als zweiter, dritter und vierter Vers die entsprechenden des alten: Brüder laßt uns lustig sein! von Joh. Christian Günther.

Die kursächsischen Postmeilensäulen

Zu meiner Abhandlung in Heft 4 bis 6 der Mitteilungen habe ich eine große Zahl von Zuschriften erhalten, in denen mir Postzeichen genannt werden, die in meinen Verzeichnissen fehlen. Ich will versuchen, diese Funde nach und nach an ihren Standorten selbst aufzusuchen und werde im Sommer nächsten Jahres in Form eines Nachtrages darüber berichten.