Bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts klang das Wort des Geistlichen über bekränzten Särgen, klang Grabgesang. Dann war seine letzte dunkle Kammer vergeben, und man bettete die Toten weiter hinaus, in neue Gottesäcker. Die wachsende Stadt aber fraß die Idylle, die um diesen Friedhof war, fraß Wiesen und Äcker. Straßen entstanden mit festen Häuserreihen, häßliche Straßen mit Alltagsgesichtern rund um das grüne Geviert. Damals wurde der Friedhof Historie. Seine Hügel, die niemand mehr pflegte, sanken ein. Seine edlen Rosen verwilderten. Roter Rost, wie edle Bronze zu schauen, legte sich über die barocken Ornamente der eisernen Gruftgitter. Die neue Schönheit, die romantische des Kirchhofs war da.
Vergessen schien er. Aber er hatte doch seine Freunde; eine kleine Gemeinde. Wenn der Flieder sich in lila und weißen Flämmchen über den trauernden Sandsteingenien entzündete und die Rosen dunkel in den Büschen wurden, kamen die Maler. Manchmal gingen auch gelehrte Leute, die sich etwa über die Grabstätte der Gustel von Blasewitz oder des Hofkapellmeisters Naumann unterrichten wollten, durch das blumige Gras. Und alte Frauen saßen dann und wann auf besonnten Steinen, horchten auf das Flöten der Amseln, die im dichten Gezweig der Akazien wie in einem Paradiese lebten, und beschauten die gelben Kresseglocken, die neben geborstenen Sockeln zum Lichte drängten.
Offiziell, leider, wurde der Eliasfriedhof, als man – um den Zugang zur Pestalozzistraße zu öffnen – einen Querweg durch seine Gräberreihen zog. Entschleiert war nun seine Schönheit den Vielzuvielen. Menschen, die innerlich sehr fern von solchen ernsten und tiefen Dingen waren, sahen neugierig durch den Zaun. In Zeiten, da man glaubte, sich an allem Erreichbaren ungestraft bereichern zu können, drangen die Halbwüchsigen, die Kinder in Scharen in den stillen Garten, plünderten den Flieder und die Rosen. Böser Unfug wurde von wilden Jungen auf dieser einst geweihten Erde getrieben.
Die Kirchhofsaufsicht, die allein nicht mehr Herr wurde über die Friedensstörer, hat Schilder anbringen lassen: »Einwohner, schützt eure Anlagen!« Mittlerweile hat aber der geschändete Garten eine Art Selbstschutz begonnen. Eine Hecke, riesengroß, wächst um die Gräber. Brombeerranken wehren mit spitzen Dornen die Eindringlinge, Efeu und hohe Farnkräuter bilden einen Vorhang vor den steinernen Engeln. Über die Wege wuchern Kletten, lange Ruten der Holunderbüsche. Irrgarten ist der Eliasfriedhof, vor allem in seinem östlichen Teil. Er macht es jetzt selbst seinen Freunden schwer, sich mit ihm zu beschäftigen.
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Wahrheit ist es: wir haben mitten in unsrer Stadt ein Stück Geschichte, Kunstgeschichte, Romantik, wie nirgends sonst in Deutschland. Zwei Jahrhunderte Dresden liegen eingesargt unter dem Efeu. Aller Zünfte Vertreter, Leute aus allen Rats- und Gelehrtenstuben der Stadt wurden hier begraben. Der bekannte Rechtskonsulent, der Sänger, der Soldat, der Kapitän, der viele Meere befuhr und den letzten Hafen dann hier am Ziegelschlage fand. Und jedem widmeten die Hinterbliebenen das ganz persönliche Mal, die Inschrift, die, zart und herzlich, für keinen anderen sonst Beziehung und Geltung hatte. Diese Menschen, denen alle Kunst noch so nahe war, verwendeten gern große Summen darauf, die letzte Stätte ihres Lieben würdig auszugestalten. Bei ersten Meistern bestellten sie das kostbare Bildwerk und baten den berühmten Dichter um ein gutes Wort auf den Sockel. So haben viele Permoserschüler den Kirchhof ausgeschmückt, schuf Kirchner, der Realist, dessen Schlaf ein mächtiger Saturn hier hütet, seine wuchtigen Male für dies Totenland. Jene Menschen alter Tage wußten aber auch, wie schön der blühende schattige Baum den Friedhof macht. Die Akazie pflanzten sie, die im Mai die Gräber mit schwer duftenden Blüten beschneite, die Birke, die im Herbst auf einen gebeugten Engel gelbseidige Blätter niederweht.
Wahrheit ist es zum andern: Dies alles ist in mancherlei Gefahr. Man spricht und sprach so oft schon von Säkularisation, befand es seltsam und rückständig, daß so ein kleiner nutzloser Gottesacker überhaupt noch da wäre, auf kostbarem Grund und Boden inmitten der Stadt. Zu befürchten steht, daß eines Tages der Friedhof mit Beil und Hacke schnell und barsch beseitigt wird. Noch mehr: wird nicht die Natur selbst das besorgen, womit die Menschen bis heute zögerten? Zoll um Zoll versinken die Steine. Von Urnen und Säulen fällt Stück um Stück. Wind und Wetter verwischen die Inschriften. Wird man in Kürze noch lesen können, was Gottfried Körner seinem Freunde Naumann auf den Denkstein dichtete? Da und dort brechen die Dächer der Grüfte ein, nieder auf zerfallende Särge.
Nicht berührt sei hier die Frage nach dem Eigentumsrecht über den Friedhof: wen die Schuld an seinem künftigen Schicksal treffe. Erwogen nur sei, wie er, wie all sein unschätzbarer Wert für die Menschen von heute – verständnisvolle Menschen – gerettet werden kann. Zu fordern wäre einmal, daß der Eliasfriedhof offiziell unter den Sehenswürdigkeiten der Stadt mit verzeichnet würde. Jedes Führerbuch müßte von ihm wissen und seine Besonderheiten vermerken. Der Strom der Fremden, nach so manchen schönen Zielen gelenkt, müßte auch durch seine Gräberreihen geführt werden; wieviele würden, gefaßt vom melancholischen Reiz dieser Stätte, stärkste Eindrücke mit heimnehmen! Zu fördern wäre, daß ernste Veranstaltungen, häufiger noch als bisher, den alten Friedhof sich zum Rahmen wählten. Man hat, mit viel Glück, Johannisfestfeiern, gelegentliche Abendgottesdienste hier einzubürgern versucht, und neulich hielt, feierlich zwischen den gesunkenen Malen, ein Pfadfinderführer mit seinen Jungen eine Andacht. Vor soviel Reinem, Gutem würde ganz von selbst dann alles laute Wesen, würden die bösen Geister des brutal Zerstörenden weichen. Aufgerufen seien die Lehrer, die jetzt schon manchmal mit ihren Kindern kamen, seien Heimat-, Künstlervereine, sich des alten Friedhofs anzunehmen und wenigstens die Erinnerung an ihn für spätere Zeiten zu retten. Noch gibt es so viele merkwürdige und beziehungsreiche Inschriften berühmter Grabstätten, leicht zu lesen und zu merken, die niemand bisher aufzeichnete, viele Steine und Säulen, idyllisch zwischen den grünen Büschen, die bisher keines Malers Stift und Pinsel, keine photographische Platte festhielt. Vielleicht auch fände sich mancher Kunstfertige und Geschickte, der es vermöchte, Sinkendes neu zu befestigen, verblichenen Glanz behutsam zu erneuern!
Volkstümliche Kinderpoesie in Oschatz
Von Studienrat Emil Zeißig in Oschatz