Betont muß werden, daß die Ergänzung der fehlenden Teile nicht in sklavischer Nachahmung alter Formen, sondern in einer Ausdrucksweise erfolgen möchte, die modernem Kunstempfinden entspricht. In der Formensprache der Gotik kann sich ein heutiger Künstler kaum noch überzeugend ausdrücken. Die Gefahr, in öde Manier zu verfallen, ist dabei schwer zu vermeiden. Es dürfte genügen, wenn Altes und Neues harmonisch aufeinander abgestimmt wird, ohne daß das Neue versuchte, alt zu erscheinen.
Zum Schluß sei nochmals der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß diese Zeilen dazu beitragen möchten, dem bedrohten Denkmal opferwillige Helfer erstehen zu lassen. Der Untergang des seltenen spätgotischen Monumentalwerkes – das vermutlich auf den Breslauer Bildschnitzer und Maler Hans Olmützer (tätig um 1483 bis 1518) zurückgeht – würde für Bautzen und die ganze Lausitz einen völlig unersetzlichen Verlust bedeuten.
Blick auf Oschatz von Osten
Oschatz
Kulturgeschichtliches Städtebild von G. Vödisch
Aufnahmen von Georg Marschner, Dresden und Hermann Kočzyk, Oschatz
Als Wahrzeichen des sächsischen Tief- und Hügellandes zwischen Elbe und Mulde gilt der Kollm, und jeder Oschatzer fügt mit Stolz hinzu: und die weithin sichtbaren gotischen Türme der St. Ägidienkirche. Wer sie sah, wird sich ihrer gefreut haben und der schmucken, freundlichen Stadt, die sie hoch überragen. Man sieht der Stadt mit ihren breiten, regelmäßigen Hauptstraßen ihr ehrwürdiges Alter nicht an, und doch sind über tausend Jahre verflossen, seit sie entstanden ist. Trotz der Anlage neuer Zugänge und mancherlei Umbauten hat sich aber die innere Stadt ein altertümliches Gepräge bewahrt und birgt viele Kunstdenkmäler der Gotik und Renaissance. Reste der alten Stadtmauer, des Stadtgrabens und zweier mächtigen Türme im Zwinger aus den Jahren 1377 und 1479, sowie der zu prächtigen Promenaden mit breiten Gängen von Linden und Kastanien umgewandelte Wallgraben erinnern daran, daß Oschatz ehemals wohlbefestigt war.
Das schöne, eigenartige Städtebild, das sich dem Beschauer vom Neumarkt aus bietet, wird allgemein gerühmt. Der alte Brunnen ist 1589 vom Steinmetz Gregor Richter aus Leipzig nach dem Vorbild des goldnen Brunnens daselbst gebaut worden. Die krönende Brunnenfigur, ein Löwe, hält einen Schild mit dem Stadtwappen in der Tatze. Das Rathaus, durch den Brand von 1842 teilweise zerstört, wurde nach dem Plane des großen Baumeisters Semper wieder aufgebaut und hebt sich mit seinem Renaissancegiebel scharf vom blauen Himmel ab. Hinter der von Linden beschatteten ehemaligen Hauptwache der Ulanen erheben sich die zwei mächtigen Türme der Stadtkirche.