Da gab’s dann andern Tags ein gutes Gericht, den Oarsülot, zu dessen Bereitung ich schon am frühen Morgen mit der Großmutter den wildwachsenden Feldsalat von einer nahen Anhöhe brocken mußte, während der Großvater derweil daheim die Eier fein zerhackt und zerrührt hatte, was er alle Ostern selber tat, da keins ihm dies Geschäft recht machen konnte.
Auch sonst war er oft in der Küche draußen und half der Großmutter Rüben schälen oder Semmeln schneiden für die Alltagskost, die Knödel; denn diese durften keinen Tag fehlen. Auch am Sonntag kamen sie, freilich viel größer und schwärzer, als Leberknödel auf den Tisch.
Das Wasser, in dem die Knödel, die neben ihrer Schmackhaftigkeit auch noch den Vorzug der Billigkeit hatten, gesotten wurden, wurde bei uns nie weggeschüttet, sondern in einer großen bemalten Schüssel aufgetragen. Dazu stellte die Großmutter ein Pfännlein mit heißem Schmalz und braunen Zwiebeln und im Sommer auch ein Schüsselchen voll Schnittlauch. Der Großvater langte dann den von der Mutter selbstgebackenen Brotlaib, der mittels unseres großen Hausschlüssels ringsum mit einem Kranz von ringförmigen Eindrücken verziert war, aus dem Wandschränklein und begann langsam und bedächtig Schnittlein um Schnittlein in die Brüh zu schneiden. Danach goß er die Schmelz darüber, würzte gut mit Salz und Pfeffer und rührte mit seinem Löffel etliche Male um. Alsdann sagte er: „So Muatta, jatz ko’st betn.“
Fleisch kam bei uns nur zu ganz besonderen Gelegenheiten auf den Tisch, und selbst am Sonntag genügten meinen Großeltern die Leberknödel mit dem Tauch, einem Gemüse von Dotschen, Rüben oder Kohlraben. Nur der Großvater erhielt als Feiertagsmahl ein Stück gesottenes Rindsfett, das er gesalzen und gepfeffert nur mit einem Stücklein Brote aß.
An Ostern aber ließen sich’s die Großeltern nicht nehmen, ein ordentliches Stück Geselchtes und dazu noch einen Tiegel voll von unserm selbstgemachten Kraut aufzustellen, nebst einem Körblein Eier, die samt dem mit viel Zyperben und Weinbeerln gebackenen Osterbrot schon in der Früh des Ostertags vom Großvater zur Weih’ getragen wurden.
Auch sonst gab’s allerlei Vergnügungen und Kurzweil für die Großen und die Kleinen, und es war auch um die Osterzeit, daß die Kinder, die ungefähr in meinem Alter waren, anfingen, etwas Heimliches untereinander zu treiben. Der Schlosserflorian und die Ropferzenzi hatten im Stall bei der Wagnerin die Zicklein angeschaut, und hierbei hatte der Florian der Zenzi, die vor ihm hockte, unter den Rock gesehen und hatte ihr darauf auch etwas gewiesen. Dabei überraschte sie die Wagnerin, und alsbald wußte es das ganze Dorf. Die Kinder aber, die fünf- und sechsjährigen, hatten nichts anderes zu tun, als dies sofort nachzuahmen, und alsbald saßen auf den Heuböden oder hinter der Planke vom Huberwirt die Pärlein im Gras und betrachteten einander.
Diese Vorfälle wurden nun von einem alten, frommen Fräulein dem Herrn Pfarrer hinterbracht, der dann am darauffolgenden Sonntag von der Kanzel herab wetterte über die Zuchtlosigkeit der Eltern, die nicht acht gehabt hätten auf das Heiligste der Kinder, auf ihre Unschuld. Viele von den Eltern hatten es aber in der Sorge um das Ihre übersehen, manche wohl auch übersehen wollen.
Mit dem beginnenden Sommer fingen wir an, zu fischen. Da suchte man sich einen Stecken; daran wurde eine alte Gabel gebunden und mit ihr nach den Dollen oder Mühlkoppen, die sich im Bach unter Steinen, Scherben oder alten Häfen verborgen hielten, gestochen. Mit dem Stecken wurde der Stein zur Seite geschoben, und wenn der Fisch hervorschoß, wurde er angespießt. Ich war nun so geschickt, daß ich sie auch mit der Hand fangen konnte. Da nahm ich den Rock auf, stieg in den Bach hinein, bückte mich, tauchte vorsichtig den rechten Arm ins Wasser und näherte mich mit der Hand dem Fisch, bis er zwischen meinen Fingern stand; dann griff ich rasch zu. Gegen Abend trugen wir dann in einem alten Hafen den ganzen Fang heim. War die Großmutter im Stall, so schlug ich in der Küche die Fische mit einem Stein auf den Kopf, nahm heimlich Schmalz aus der Speisekammer und warf die Fische, nachdem ich noch schnell Salz, Mehl und ein paar Eier darangetan, in eine Pfanne. Die gebratenen Dollen brachte ich dann hinaus vors Haus, wo die anderen Kinder im Gras saßen und warteten. Unter dem Essen wurde nun erst die Schwimmblase und was sonst noch im Innern des Fisches war, mit dem Finger herausgeholt.
Einmal freilich wäre ich beim Fischen beinah ertrunken, und das kam so: Da hat die Großmutter mit unserer Nachbarin, der alten Sailerin, die sehr schwerhörig war, Wasch g’schwoabt, d. i. Wäsche im Bach gespült. Als sie beide mit dem schweren Zuber davongingen, rief mir die Großmutter zu: „Lenei, daß d’ fei du dahoam bleibst und ja net abi gehst am Bach, net daß d’ eini fallst und dasaufst.“
Ich aber nahm, dem Verbot zum Trotz, meinen Stecken mit der Gabel und einen großen Hafen und schlich leise hinterdrein.