Ich trat also vor ihn hin und auf seine Frage: „Was hast du vorzubringen?“ trug ich ihm den Hergang der Sache so vor, wie ich ihn der Oberin geschildert hatte.

Da ließ er meine Lehrerin, Schwester Cäcilia, zu sich kommen, und sie mußte nun über mich berichten.

Als der Superior nur Gutes hörte, meinte er: „Seltsam, höchst seltsam! Kind, wenn du wirklich brav warst, so bleib’s, wenn nicht, so werd’s!“

Damit waren wir entlassen, und erleichtert trat ich mit der Schwester wieder auf den dunklen Gang hinaus.

Auf dem Weg zum Musiksaal faßte ich ganz plötzlich in einer Aufwallung warmen Dankgefühls ihre Hand und küßte sie wiederholt. Lächelnd entzog sie mir dieselbe, indem sie sagte: „Laß doch die dumme Hand! Sie gehört ja gar nimmer mir, sondern dem heiligen Josef!“

Da meinte ich: „Aber der Mund g’hört schon noch Ihnen, gelt, Schwester?“

„Ja, zum Beten und Singen und ...“

„Und daß ich schnell ein andächtigs Busserl draufgib, Schwester!“ rief ich dazwischen, und ehe sie sich dessen versah, hatte ich sie geküßt.

Ganz erschrocken schob sie sich den Schleier zurecht und zupfte an ihrem Habit herum; doch sagte sie nichts und schalt mich auch nicht, wie ich befürchtet.

Als wir in den Saal traten, sah ich unter ihrem Schleier über dem rechten Ohr einen Wusch goldroten Haars hervorlugen; ich sagte es ihr, und da rief sie mit komischem Entsetzen: „Was sagst, die Welt guckt raus? Ob ihr gleich z’rück wollt, ihr fuchsigen Locken!“ Und eiligst strich sie sie einige Male unter dem Häubchen zurück.