Zu dieser Zeit hatte ich viel Arbeit; denn bei den Fastnachtsspielen waren mir die ersten Rollen zugeteilt worden, und nun stand der Tag des heiligen Josef, an dem der Bischof die Einkleidung und Profeßabnahme im Kloster vornahm, vor der Tür. Es war dies der festlichste Tag im ganzen Jahr, und alles rüstete sich schon lange vorher, ihn würdig zu begehen.
Ich erwartete das Fest mit großer Erregung, da meiner sowohl in der Kirche als auch im Festsaal und beim Mahle schwere Aufgaben harrten. Doch war Schwester Cäcilia nach der letzten Probe sehr zufrieden mit mir und meinte: „Mädl, wenn du morgen so gut singst, hebst die ganze Pfarrkirche in den Himmel; ich bin recht zufrieden.“
Als dann der Morgen des Festes gekommen war, regte sich’s im Kloster wie in einem Bienenkorbe: geschäftige Nonnen huschten durch die Gänge, den Arm voll Myrtenkränzlein, weißer Nonnenschleier oder Skapuliere, und eilten in die Zellen, um die jungen Gottesbräute zu schmücken und zu kleiden. Große Girlanden wurden aufgehangen und die Kapellen geziert, und die älteren Klosterfrauen liefen mit kritischem Blick herum, hier zupfend, dort stäubend, überall noch die letzte Hand an die Dekorationen legend und den Kandidatinnen die ihnen zukommenden Handreichungen und Arbeiten anweisend und erklärend.
Wir hatten uns nach dem Frühstück im Musiksaal versammelt, um unsere Aufgabe noch einmal flüchtig durchzugehen. Da krachten zahlreiche Böllerschüsse von Kamhausen herüber, zum Zeichen, daß der Bischof dort angelangt und, empfangen vom Klerus und den Obern des Klosters, sich auf dem Wege zu uns befinde.
Rasch ordneten wir uns in der Einfahrtshalle und begrüßten den Ankommenden mit einer Jubelhymne, während draußen alle Glocken geläutet wurden.
Inzwischen schritten die bräutlich weiß angetanen Jungfrauen und Novizinnen zur großen Pfarrkirche, in der schon ihre Angehörigen zahlreich versammelt waren. Danach kamen die älteren Schwestern, und um acht Uhr begann die Feier.
Brausend tönte die Orgel durch das Gotteshaus, und nach einer Ansprache des Bischofs traten die Bräutlein alle vor den Hochaltar, fielen auf ihr Angesicht nieder und beteten laut das Confiteor. Danach empfingen sie aus der Hand des Bischofs den Leib dessen, dem sie sich nun auf ewig antrauen wollten.
Mit ausgebreiteten Armen verharrten sie während des Hochamts in Gebet und Verzückung und schienen nun ganz und gar losgelöst von der Welt.
Bis dahin war ich meiner Aufgabe ganz gerecht geworden; als sich aber nach dem Hochamt die Novizinnen auf die Erde warfen und mit einem schwarzen Bahrtuch überdeckt wurden, zum Zeichen, daß sie nun auf ewig für die Welt gestorben seien, und der Bischof ihnen die ewigen Gelübde der freiwilligen Armut, der steten Keuschheit und des blinden Gehorsams abnahm und einer Jungfrau nach der andern das Haar abschnitt und sie mit dem Ordenshabit der Novizinnen bekleidete, da packte mich ein Grauen und in mir schrie es: „Nie, niemals werd ich Nonne! Niemals!“ und ich begriff nicht, daß andere Mädchen so glückselig ausschauen konnten. Mein Entsetzen war so groß, daß ich den Einsatz verpaßte und erst nach längerer Zeit merkte, daß, hätte nicht Schwester Cäcilia mich beobachtet und im rechten Augenblick für mich eingesetzt, sicher ein Unglück geschehen wäre.
Ich konnte kaum das Ende der kirchlichen Feier erwarten und rief nachher im Musiksaal meiner Lehrerin zu: „Schwester, das weiß ich g’wiß: ich werd keine Klosterfrau! Ich sollt meine schönen Haar hergeben? Nein, niemals!“