Traurig ging ich nun zur Schwester Cäcilia. Sie brach in Tränen aus und nahm mich in ihre Arme: „Nun bin ich wieder allein! O, warum gehen alle wieder weg, kaum daß sie begonnen!“
Auch ich begann zu weinen, und sie tat mir von Herzen leid; denn während meines eineinhalbjährigen Aufenthalts im Kloster waren vierzehn Musikkandidatinnen eingetreten und nach kurzer Zeit wieder davongelaufen. Nachdem sie mir noch alles Glück für kommende Zeiten gewünscht hatte, entließ sie mich, und ich trat erleichtert in das kleine Zimmerchen, das mich bei meinem Eintritt empfangen hatte. Während ich dort auf mein Gepäck wartete, dachte ich noch über die Vorwürfe nach, die man mir wegen meines Wegganges gemacht. Doch sie trafen mich nicht schwer, da mir angesichts der ernsten Krankheit meines Vaters das Verlassen des Klosters nicht als eine Schuld, sondern als eine Kindespflicht erschien.
Eine Schwester, die mir mein Gepäck übergab und mir meldete, daß der Stellwagen schon draußen sei, riß mich aus meinen Gedanken, und ich stieg rasch ein. Oben hinter den Fenstern standen die Kandidatinnen und blickten mir verstohlen nach. Ich sah noch einmal zurück, dann zogen die Pferde an — und dahin ging’s.
Als ich nun so allein in dem Wagen saß, war es mir, als schwände in dem Maße, in dem ich mich vom Kloster entfernte, auch alles Trübe, und plötzlich kam eine so sonnige Heiterkeit über mich, daß mich die Welt mit einem Male viel schöner dünkte, obschon draußen noch alles trotz des beginnenden Märzes an den Winter gemahnte, und nur vereinzelte, unter schmutzigem Schneewasser stehende Wiesen und die großen Pfützen auf den Wegen den kommenden Frühling ahnen ließen.
Rasch trat ich in Kamhausen an den Schalter und löste meine Fahrkarte, da der Zug schon bereitstand.
Während der Bahnfahrt hatte ich fast keine Zeit mehr, über das Vergangene nachzugrübeln; denn die zahlreichen Passagiere aus den verschiedensten Gegenden erregten meine ganze Aufmerksamkeit. War mir doch im Kloster die ganze Welt samt ihren Wesen so fremd geworden, daß ich mich nur ganz langsam, wie im Dunkeln tappend, wieder unter den Menschen zurechtfand. Mit Ausnahme der Priester und Nonnen hatten sie jetzt alle etwas Beängstigendes für mich; denn erstlich wurden im Kloster alle außer den Geistlichen als Verlorene betrachtet, anderseits aber in den eindringlichsten Worten vor ihnen als vor lauter Wölfen in Schafskleidern gewarnt.
Ich besah mir also jeden einzelnen ganz genau, ob nicht irgend etwas Auffälliges in seinem Wesen oder Äußern auf die verborgene Wolfsnatur hinweise, und dabei drückte ich mich scheu in meine Ecke und hielt die Augen halb gesenkt, wie ich es bei den frommen Frauen gelernt hatte; doch ging mir trotzdem nichts von all dem verloren, was um mich her geschah.
Mir gerade gegenüber saßen zwei elegant gekleidete Herren, aus deren lebhafter Unterhaltung ich entnahm, daß sie Geschäftsreisende waren und der eine in Augsburg, der andere in München zu tun hatte. Der erstere, ein etwa Mitte der Dreißig stehender Mann von ausgesprochen jüdischem Äußern, erzählte eben dem etwas jüngeren Reisegefährten, der mir von gleichem Stamme zu sein schien, wie er die letzte Nacht in Ulm verbracht hätte: daß er nicht nur die Tochter und das Stubenmädchen seines Gasthofs, sondern auch noch die Frau Wirtin selbst erobert hätte. Lachend fragte der andere halblaut, ob das Töchterl auch so bescheiden und sittsam hergesehen habe, wie die junge Klostermamsell da drüben; und zugleich fingen beide an, sich über meine Schüchternheit, sowie über meinen halb klösterlichen, halb weltlichen Anzug lustig zu machen. Ich wußte vor Verlegenheit kaum mehr aus noch ein und starrte mit hochrotem Gesicht bald aus dem Fenster, bald vor mich hin.
Da erblickte ich weiter vorn einen alten Bauern, der auf einem schmierigen Blatt seine Einnahmen vom Viehverkauf nachrechnete, wobei er sich abwechselnd hinter den Ohren kraute oder heftig fluchte.
Am andern Ende des Wagens unterhielten sich lärmend etliche Soldaten, die wohl auf Urlaub gehen mochten. In ihrer Nähe saß ein junges Mädchen in ländlicher Kleidung und suchte sich vergeblich der Zudringlichkeiten eines der Burschen zu erwehren. Dieser hatte die sich Sträubende fest um die Hüfte gefaßt, und als sie sich endlich heftig von ihm losriß, fiel sie einem andern auf die Knie, was ein brüllendes Gelächter zur Folge hatte.