Ganz baff sah ihm die Mutter nach und begriff lange nicht, warum er so rasch fortgelaufen war. Nun trat ich aus der Speis; da rief mir die Mutter zu: „Da bist ja! Warum gehst denn net zuawa? Jatz is er davo, weilst net komma bist!“

„Naa, naa, Muatta! Deswegn is er net fort,“ rief ich nun eilig; „dem hockt er halt, weil er mi net kriagt hat; er hätt mi ja gern g’heirat!“

„Der Rotzlöffi! Is kaam trucka hinter die Ohrn!“ antwortete die Mutter und ging in die Gaststube, kam aber sogleich wieder zurück und hielt einen Brief in der Hand: „Da schau her; der Hasler ladt uns ei für heut auf d’Nacht in Löwenbräukeller. Der Peuppus halt sein Abschied. Vo mir aus konnst scho hingeh; i geh net mit.“

Damit gab sie mir den Brief, den ich hocherfreut durchlas und dann die Mutter lange bat, sie solle doch mitgehn. Endlich sagte sie zu.

Nun mußte ich der Küchenmagd noch alles zeigen und ihr für den Abend die nötigen Weisungen geben. Ich tat dies am Nachmittag und versicherte mich ihrer Gewissenhaftigkeit durch ein gutes, heimliches Trinkgeld.

Also machten wir uns gegen Abend für das Konzert und den Hochzeiter zurecht. Die Mutter ließ es sich nicht nehmen, ihr Schwarzseidenes aus dem unergründlichen Eichenschrank zu holen und goß eine Menge Patschouli hinein, um den aufdringlichen Kampfergeruch ein wenig zu übertäuben. Dazu legte sie schwere goldene Armspangen und eine Menge Ringe an, tat eine massive Goldkette um den Hals und steckte die feine Uhr mit der altmodischen Kette zwischen die funkelnden Glasknöpflein der nach Art der Schneiderkleider ganz glatt gearbeiteten Taille. Danach setzte sie ein kleines, mit einem reichen Stutzreiher versehenes Kapothütchen auf, nahm den kostbaren Spitzenschal aus der Kommode und legte ihn um die Schulter.

Also geschmückt trat sie nochmals vor den alten, vergoldeten Spiegel des Schlafzimmers und besah sich. Da erblickte sie durch denselben mich in meinem einfachen, blauen Tuchkleid und rief: „A so willst vor dein Hochzeiter hinsteh? Was fallt dir denn ei! Daß er moana kannt, mir warn Bettlleut!“

Und eilig öffnete sie ihre Schmuckschatulle und behing mich mit einer köstlichen Halskette aus Granaten und Perlen, tat mir statt meiner kleinen Korallen schwere Perlgehänge in die Ohren und legte mir ein breites, protziges Armband an. Dann nahm sie einen alten Siegelring aus einem vergilbten Plüschkästlein, steckte ihn an und gab mir dafür ein mit Türkisen und Perlen besetztes Ringlein, das ihr mein seliger Vater einst geschenkt hatte.

„Den kannst glei b’haltn,“ meinte sie, „an dem liegt mir nix.“

Ich sagte ihr vielen Dank für das Geschenk; denn es war das Einzige, was von dem so furchtbar ums Leben Gekommenen noch vorhanden war. Ich hielt das Ringlein hoch in Ehren und habe es nachmals, als das Schicksal mir in meiner Ehe mein ganzes Hab und Gut nahm, unserer lieben Frau im Herzogspital auf den Altar gelegt; denn ich hätte es nicht über mich gebracht, es gleich den andern Kostbarkeiten dahingehen zu lassen.