»Sie könnten recht haben, Herr Hofrat,« sagte er. »Wie merkwürdig! Ein Haschischtrunkener! Er wäre der erste, dem ich in Europa begegne!«

»Natürlich hab' ich recht!« frohlockte der Hofrat.

»Mir ist die Art, wie er seinen Mantel trug, aufgefallen,« meinte der Professor nachdenklich. »Als ob er etwas Kostbares unter dem Überzieher vor den Augen der Menge zu verbergen hätte. Sie wissen, der Haschischraucher bildet sich immer ein, irgendeinen geheimnisvollen Schatz bei sich zu tragen.«

»Kommen Sie, Professor!« rief der Hofrat, »rasch! Wir holen ihn noch ein, wir dürfen ihn nicht aus den Augen lassen!«

Sie eilten dem Studenten in solcher Aufregung nach, daß sie den Hund Cyrus ganz vergaßen, der, mit der Leine an die Bank gebunden, vergeblich seinen Herrn durch Bellen und Winseln an seine Existenz zu erinnern suchte.

Als die beiden Gelehrten atemlos den unteren Teil des Parkes erreichten, war der Haschischtrunkene schon lange im Gewühle der spielenden Kinder verschwunden.

3

Das »Fräulein« wußte genau, wie gut ihr ihre neue Voilebluse mit den beiden sich kreuzenden roten Libertyspangen zu Gesicht stand. Wenn sie im Park auf der Bank saß und in ihrem Buch las, während der kleine Bub und das Mäderl, die sie spazieren zu führen hatte, mit ihrem Miniaturspritzwagen spielten oder Sand in allerlei kleine Gefäße und Formen füllten, so kam es nur selten vor, daß sie lange allein blieb. Ein oder zwei junge Herren setzten sich bald neben sie (zwei waren ihr gewöhnlich lieber, denn es war so lustig zuzusehen, wie dann einer dem andern im Weg war), taten anfangs überaus gleichgültig, so als ob sie sich aus reinem Zufall oder weil gerade der Platz so hübsch schattig war für diese Bank entschieden hätten, bezeigten ein forciertes Interesse für alles mögliche: für die Spatzen und Tauben, für die Leute, die vorübergingen, oder für ihre eigenen Stiefelspitzen, – bis sie schließlich doch ein Gespräch anknüpften: »Fräulein lesen da sicher etwas sehr Interessantes!« oder: »Zwei reizende Kinder, Ihre beiden kleinen Zöglinge, wie heißt du denn, Mäderl?« Oder die Keckeren unter ihnen: »Sie werden sich Ihre schönen blauen Augen verderben, Fräulein, wenn Sie fortwährend lesen.«

Ernstere Bekanntschaften ergaben sich für das Fräulein aus solchen Anfängen fast niemals, denn die jungen Herren kamen meist schon bei der zweiten Zusammenkunft mit Vorschlägen, Wünschen und Anliegen, die weit über das hinausgingen, worüber ein junges Mädchen aus gutem Hause, – bitte, »Fräuleins« Vater war Oberoffizial bei der Post gewesen und ein Onkel ihrer Mutter war noch heute Sektionsrat im Handelsministerium –, worüber ein junges Mädchen aus gutem Hause also vielleicht nach längerer Bekanntschaft, eventuell, unter Umständen mit sich reden lassen darf. Bei manchen Herren mußte man überhaupt schon nach zwei Minuten das Gespräch abbrechen, solche Reden führten sie, man mußte aufspringen: »Willi! Gretl! Es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen!«, und den unverschämten Menschen einfach sitzen lassen. Das kam öfters vor, obwohl das Fräulein durchaus nicht prüde war, sondern im Gegenteil ein gewisses Vergnügen an vorsichtig-andeutenden Gesprächen über schlüpfrig-pikante Themen hatte.

Am liebsten sah sie es, wenn solch eine zwecklose Bekanntschaft in einen Ansichtskartenverkehr überging. Ansichtskarten ließ sich das Fräulein für ihr Leben gern schicken. Die Post, die morgens kam, bedeutete für sie den Höhepunkt des Tages. Oft, ja zumeist waren es Karten mit der Unterschrift eines ihr völlig gleichgültig Gewordenen oder gar Vergessenen, das letzte Echo einer nichtigen, verplauderten halben Stunde. Aber es war so lustig, wenn die Gnädige ärgerlich ins Zimmer kam und auf die Frage ihres Mannes, ob der Briefträger schon dagewesen sei, verdrossen zur Antwort gab: »Ja, aber für uns war nichts, nur für das Fräulein zwei Karten.«