Ein bißchen schwerfällig ist er – dachte das Fräulein. Sie kam ihm zu Hilfe. »Sie kennen das Stück?« fragte sie. Jetzt ließ sie das Buch sinken zum Zeichen, daß ihr nicht sonderlich viel am Weiterlesen gelegen sei.

»Ja. Natürlich kenne ich's,« sagte Demba. – Weiter nichts.

Dem Fräulein blieb nichts anderes übrig, als umzublättern und die Lektüre fortzusetzen. War er so ungeschickt? Wußte er nichts weiter zu sagen? Oder bedauerte er am Ende, sie angesprochen zu haben? Mißfielen ihm etwa die beiden kleinen Pockennarben auf ihrer linken Wange? Kaum. Alle Leute fanden gerade diesen kleinen Schönheitsfehler reizend und apart. Nein. Es war nur Unbeholfenheit. Und das Fräulein entschloß sich, ihm eine letzte Chance zu geben. Sie ließ ihren Regenschirm fallen.

Jeder junge Mann, auch der dümmste und ungeschickteste, wird in einem solchen Fall blitzschnell nach dem Schirm greifen und ihn der Dame mit einer eleganten Verbeugung und ein paar liebenswürdigen Redensarten überreichen. Und die Dame bedankt sich vielmals, und ehe man's merkt, ist das Gespräch im Gange.

Aber diesmal geschah etwas Unerhörtes. Etwas, was sich in der Geschichte aller Parkanlagen der Welt niemals vorher ereignet hatte: Stanislaus Demba ließ den Schirm liegen. Er sprang nicht auf, er haschte nicht nach ihm. Nein. Er rührte sich nicht und ließ es zu, daß sich das Fräulein selbst nach dem Schirm bückte.

Aber das Fräulein war seltsamerweise nicht beleidigt. Nein. Gerade das imponierte ihr an Stanislaus Demba, daß er so anders als die anderen vorging. Er verschmähte die abgebrauchten Mittel, mit denen Dutzendmenschen auf Frauen Eindruck zu machen suchen. Er wollte nicht galant erscheinen, er verachtete die hohle Geste billiger Ritterlichkeit. Des Fräuleins Interesse an Demba wuchs. Und vielleicht hätte jetzt sogar sie ihn angesprochen – Frau Buresch häkelte und sah nicht hin –, wenn nicht Demba selbst mit einem Male zu reden begonnen hätte.

»Wenn ich Ihr Vater wäre, Fräulein,« sagte er, »würde ich Ihnen verbieten, Ibsen zu lesen.«

»Wirklich? Aber warum denn? Paßt er denn nicht für junge Mädchen?«

»Weder für Erwachsene noch für junge Mädchen,« erklärte Demba. »Er gibt Ihnen ein falsches Weltbild. Er ist die Marlitt des Nordens.«

»Aber das müssen Sie doch wohl begründen.« Das Fräulein kannte die Art der jungen Leute, denen es nicht darauf ankam, ein paar Größen zu stürzen, wenn sie durch kühne, literarische Behauptungen Interesse für sich erwecken konnten.