»Nichts,« sagte Sonja. »Gar nichts. Ich hab' ihn nur nicht mehr gern.«
»Warum eigentlich? Und seit wann?«
»Seit wann? – Wirklich gern hab' ich ihn eigentlich nie gehabt. Oder nur an dem einen Tag, an dem ich ihn kennen gelernt hab'. Später hab' ich immer nur Furcht vor ihm gehabt; er ist wild und unberechenbar, wenn ich mit ihm unter Leuten war, hab' ich immer davor zittern müssen, daß er mit irgend jemandem Streit beginnt.«
»Aber er ist sehr gescheit,« sagte Klara Postelberg. »Und er versteht einfach alles. In allem kennt er sich aus. Unlängst hat er mir erklärt, warum die Obstweiber gerade am Bauernmarkt stehen, alle, und die Blumenweiber in der verlängerten Kärntnerstraße. Ich hab' es wieder vergessen, aber es war interessant. Außerdem ist er doch groß und ein hübscher Mensch, nicht wie der Georg Weiner, der –«
Sie unterbrach sich. Das Telephon hatte geläutet. Sie sprang auf und lief ins Zimmer des Chefs, auf dessen Pult der Telephonapparat seinen Platz hatte. Nach ein paar Augenblicken kam sie zurück.
»Sonja, du wirst verlangt.«
»Georg –?«
»Ich glaube. Ja.«
Sonja ging zum Telephon. Klara Postelberg nahm die Zeitung. Sie begann mit der letzten Seite und las die Annoncen. Zuerst die flatterhaften, die ›jenes entzückende Fräulein‹ in Weiß, Rosa oder Blau mit stammelnden Liebesrufen zu betören suchten, sodann die ehrbaren Vorschläge gesetzterer Herren mit etwas, mit entsprechendem oder gar mit ansehnlichem Vermögen. Der Praktikant Josef spielte mit Hilfe zweier Kupferkreuzer ein aufregendes Hasardspiel eigener Erfindung. Etelka Springer schrieb eine Ansichtskarte. Nur das Knistern der Zeitung und das Ticken der Wanduhr unterbrach die Stille.
Plötzlich warf Klara Postelberg die Zeitung weg. »Ethel, horch einmal! Ich glaube, der Chef ist zurückgekommen.«