»Es ist alles wieder gut.«
»Drei Wochen. Da hast du sicher das Geld für den lustigen Roman bekommen, den du ins Polnische übersetzt hast. Weißt du, den Roman, in dem gestanden ist: ›Ihre Tochter, Frau Gräfin, hat höchstens noch sechs Stunden zu leben, vielleicht sogar noch weniger.‹ Ich hab' damals so lachen müssen. – Hat man dir endlich das Geld geschickt? Nun? – Gib doch Antwort! An was hast du jetzt gedacht, Stanie?«
Demba blickte zerstreut auf.
»Wo warst du mit deinen Gedanken? Schon in Venedig?« fragte Steffi.
»Nein. Bei dir.«
»Geh, lüg' mich nicht so an. Ich weiß ganz gut, daß du dir nichts aus mir machst. Ich bin dir zu jung und zu dumm und zu –« Steffi Prokop warf einen Blick in den Spiegel. Ihre rechte Wange war eine einzige tiefrote Feuernarbe. Vor Jahren, als sie noch ein Kind war, hatte ihre Mutter einmal nach der Gewohnheit vieler Wiener Frauen Benzin auf die Kohlen im Herd geschüttet, um das Feuer anzufachen. Das Kind hatte sie hierbei auf dem Arm gehabt, und als das Feuer ihre Kleider ergriff, hatte auch Steffi ihr Andenken fürs Leben davongetragen. Das Feuermal entstellte sie, das wußte sie genau. Niemals ging sie ohne Schleier auf die Gasse.
»Und jetzt will ich wissen, was dir fehlt. Starr nicht so in die Luft.«
»Nichts fehlt mir, Kind. Und jetzt muß ich wieder gehen. Ich wollt nur schauen, wie es dir geht.«
»Geh! Geh! Geh!« sagte Steffi Prokop ärgerlich. »Schau'n, wie mir's geht! wie wenn dich das interessieren würde! Und überhaupt, sag' mir nicht immer: ›Kind‹. Ich bin sechzehn Jahre alt. Mir kannst du alles erzählen. Ich weiß, dich drückt etwas. O, ich kenn' dich, Stanie, kein Mensch kennt dich so gut, wie ich. Wenn's dir schlecht geht, kommst du zu mir und starrst in die Luft. Wenn dir elend zumut ist, wenn du wütend bist, wenn du Ärger gehabt hast, kommst du immer zu mir. Wie dir die Sonja den Brief geschrieben hat, bist du zu mir gekommen. Früher, wie du noch bei uns gewohnt hast, bist du auch zu mir gekommen, wenn dir in deinem Kabinett zu kalt war. Hieher in das Zimmer hier, da war immer geheizt. Und bist auf und ab gegangen und hast studiert oder aus den alten Griechen deklamiert, Integer vitae … – wie geht's weiter?«
»Integer vitae scelerisque purus –«, sagte Demba halb in Gedanken.