„Gebetet, gebetet ham se nicht!“
„Unsinn! Ich bitte dich, was soll denn drücken! Der Kragen, der Schuh drückt.“ Er streckte den Fuß vor: „Wirklich, beinahe jeder angemessene Schuh drückt. Aber elegant, was? Übrigens, ich spitze einmal hinauf. Warte du hier.“
Da drehte Jürgen sich elefantenhaft langsam und ging davon, bis zu der Ansammlung waldlaubbehangener Sonntagsausflügler, Kleinbürgerfamilien, Ladenmädchen mit ihren Freunden, die, verstaubt, verschwitzt und grün, stillgeworden unter der zischenden Bogenlampe standen und den Anblick eines Mannes auf sich wirken ließen.
Der lag, Augen geschlossen, schwer atmend, Schaum auf den Lippen, langgestreckt im Staub, vor einem Bankhause, auf dessen Schaufenster erhabene Goldbuchstaben verkündeten: Kapital und Goldreserven 500 Millionen.
Der Kleinbürger mit dem Ziegenbart sagte energisch: „Epileptischer Anfall! Man muß die Daumen herausziehen. Dann vergeht der Anfall.“
Sofort streifte der Mann mit einem blitzschnellen Blick die über ihn gebeugten Gesichter und richtete sich, von zehn Armen unterstützt, sitzlings auf, ließ den Kopf hängen: „Das macht alles nur das Elend. Ich wollte mit der Straßenbahn fahren, hatte aber das Nötige nicht ... Alles nur das Elend!“
Jürgen wurde von Ekel gepackt. Er simuliert, dachte er und stieß brutal durch den Kreis.
Ein Erlebnis aus seiner frühen Jugend stieg auf. Auch damals lag auf dem Pflaster ein Mann: jung, mit eleganter, blutiger Wäsche, strenggebügelten, großkarierten Hosen, Brillantringe an den Fingern und Schaum auf den Lippen. Die seidene Weste ist aufgerissen, die Brust freigelegt.
‚Bei dem war der Schaum blutrot. Die offenen Augen starrten gläsern. Das war echt und entsetzlich; der vorhin hat simuliert ... Aber wie furchtbar muß es ihm gegangen sein, bis er sich entschloß, so schamlos Theater zu spielen, sich dermaßen zu demütigen vor den vielen Menschen ... Es wird ja vollkommen gleichgültig, ob seine Krankheit echt oder nur simuliert war; im Gegenteil, es ist unendlich viel grauenvoller, daß er nur simulierte. Denn wie muß es ihm gegangen sein.‘
Bestürzt über seine Gedankenlosigkeit, rannte er zurück. Der Platz war leer, die Bogenlampe zischte nicht mehr, leuchtete ruhig und weiß. Jürgen lief umher, suchte vergebens, stand wieder vor dem Bankhause und sah die erhabenen Buchstaben an. Deutlich sah er den Bettler liegen.