„Einen Augenblick!“ Er schnitt ein Stück ab, steckte es vor des Kellners Augen in den Mund. „Wieviel Einwohner hat Berlin? Ich suche nämlich jemand“, sagte er und kaute eifrig für des Kellners Augen. „Deshalb habe ich mir den Stadtplan bringen lassen. Die Wurst ist übrigens sehr gut. Sehr gut! ... Und morgen bringen Sie mir zum Frühstück warme Milch und eine Semmel. Nur etwas warme Milch! Ich habe nämlich einen schwachen Magen.“

„Sehr gut gemacht! Bewundernswert! Nur etwas warme Milch. Ich habe nämlich einen schwachen Magen.“ Er hüpfte. „Es wird. Es wird.“

Eifrig studierte er den Stadtplan, zog Blaustiftstriche von Schmargendorf nach Wilmersdorf, über Charlottenburg weg nach Rixdorf, bohrte auf das e von Steglitz ein i und kicherte: „Stieglitz“. Trillerte wie ein Stieglitz. Trillerte noch, als er schon im Bett lag. Und trillerte sich lustig und hoffnungsvoll in den Schlaf hinein.

Erwachte morgens mit dem Rufe: „Hahaha, einen schwachen Magen! O, hätte ich nur einen schwachen Magen, ein Magengeschwür, qualvoll und lebensgefährlich. Wäre doch immerhin ein Magen.“

Trank hastig die warme Milch und stellte, die staunenden Augen vergrößert, die leere Tasse auf den Tisch. „Aber ich trank ja eben Milch. Ich! Ich trank. Ein Mensch trank Milch. Also muß dieser Mensch doch einen Magen haben und muß ein Mensch, muß vorhanden sein.“

Da lächelte er ein schlaues, anerkennendes Lächeln, als habe er einen besonders fein angelegten Betrug durchschaut. „Ist es mir also tatsächlich gelungen, sogar mir selbst vorzutäuschen, ich hätte einen Magen. Wunderbar! Kein Mensch wird merken, daß ich nicht vorhanden bin.“

Langsam und vorsichtig, um nichts zu verschütten, trug er die leere Tasse zum Kübel, leerte die nicht vorhandene Milch aus, hörte das Plätschern. Und riß sich zusammen. „Jetzt aber los!“

Es war erst sieben Uhr. Die starke Luft stand noch unverbraucht in den Straßen. Jürgen hatte große Eile, sprang in Stadtbahnzüge, die schon angefahren waren, wurde von der Untergrundbahn im Westen abgesetzt, von der Straßenbahn quer durch die ganze Stadt nach Berlin N getragen, auf dem Dache eines Autobusses nach Wilmersdorf zurück.

Sein Schema benutzte er nicht. Denn immer, wenn er planvoll vorgehen wollte, fürchtete er, Jürgen werde zu der Zeit, da er ihn in Berlin O suche, in Berlin W sein. Er fragte viele Vorübereilende, ob sie wüßten, wo Jürgen Kolbenreiher sich momentan aufhalte.

„Der Vortragskünstler? Ah, das Weinrestaurant mit der Bar?“