„Ruhe jetzt! . . . Ruhe!“ Das Wort wurde von dieser Gruppe weitergegeben, lief in Diagonalen kreuz und quer. Und erzeugte schnell erwartungsvolle Stille für den Sprecher.

„Wir haben erst dann das Recht, nach dem Frieden zu rufen, wenn wir nicht mehr, wie bisher, gedankenlos und meinungslos falsche Pflichten erfüllen. Und wir können erst dann den Frieden auf Erden verwirklichen, wenn wir aufhören, die großen Nichtigkeiten in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen, wenn wir keine entseelten, gewohnheitsmäßig funktionierenden Besitzanhäufungs-Automaten mehr sind, sondern Wesen mit dem göttlichen Wissen, daß jeder Mensch unser Bruder ist, daß alle Menschen dieser Erde Träger der ewigen Seele sind, und daß das Wort: ‚In dem Augenblicke, da du dir vornimmst, einem Menschen zu schaden, hast du schon dir selbst geschadet‘, unumstößliches, göttliches Gesetz ist.

Nur der Mensch, der sich zu seiner Seele bekennt, die ihm verbietet, dem Bruder zu schaden, ist reich, steht ununterbrochen im glühenden Fluß der Gefühle. Wir sind ganz verarmt . . . Das gewohnheitsmäßige Übervorteilen des Mitmenschen, das Verlangen nach Besitz und die gewohnheitsmäßige Anhäufung von Besitz, weswegen die Europäer heute einander erschlagen müssen, haben uns ganz erniedrigt, gemein und arm gemacht . . . Die Kathedrale der Seele ist zusammengebrochen im Europäer. Deshalb wird er Offizier, Staatsbeamter, Börseaner, deshalb ist er habgierig, brutal, elegant, schuftig, gebildet, deshalb stiehlt er, raubt und wuchert, wird reich, bleibt arm, mordet, duelliert sich, macht Kriege und Geschäfte, läßt Erfolglosere für sich arbeiten, so schwer für sich arbeiten, daß der großen Mehrzahl des Volkes nicht eine Minute Zeit zur Selbstbesinnung bleibt, so daß auch diese Armen nicht mehr an die Liebe im Menschen glauben können, und ihr ganzes entgöttlichtes Streben darauf richten müssen, ebenfalls in die Klasse der Besitzenden aufzurücken.

Wir alle — Reiche und Arme — sind brutal wie Mörder, schamlos und gierig wie harte Wucherer, wir alle sind Offiziere und Börseaner, auch wenn wir erfolglose Sklaven geblieben sind . . . Glückliche, unendlich reiche Kinder könnten wir sein auf unserer unendlich reichen Erde, und sind erfolggierige Geldmenschen, bedauernswerte, erlebnisarme Schurken, die zu staatlich sanktionierten Mördern wurden. Der Krieg ist durch den Krieg nur sichtbarer geworden.“

Die Menge, berührt vom Worte des Kellners, war schwankend geworden; nie empfundene Gefühle standen auf, gerieten in Schwingung, erklangen und verdichteten sich zu vereinzelten Zustimmungsrufen.

Da schrie die Agentenwitwe einen Satz, der die Nächststehenden in den Mittelpunkt des Gefühles traf und, mit Zusätzen versehen und von Mund zu Mund weitergegeben, die Menge durchlief, so daß den Kellner plötzlich die tausendfach gebrüllten Schreifetzen umtosten: „Ganze Volk! Leid gestürzt! . . . Millionen Tote! . . . Hunger! Kriegsgewinne! Hallunken!“

Im tiefsten Grunde des Brüllens klang ein ferner Jubel mit.

Mit der ganzen Kraft seines Wesens versuchte der Kellner, die Menge erst auf der Irrtumsspirale zurückzuführen bis zum Ausgangspunkt, wo die Wahrheit steht, während die Agentenwitwe ohne Besinnen mit den Irrtümern vorwärtsstürmen wollte und die ganze Menge geschlossen hinter sich hatte.

Noch einmal gelang es ihm, die anarchisch bewegte Menge aufzuhalten und still werden zu lassen, da er sagte: „Unsere Autoritäten konnten uns marschieren lassen, jeden Einzelnen von uns als Menschenmetzger anstellen und ganz Europa in ein Menschenschlachthaus verwandeln, weil unsere Lebensauffassung entsetzlich genau ihrer Lebensauffassung entspricht. Weil wir, in notwendiger Folge unserer Gedankenlosigkeit, Meinungslosigkeit, unseres Verlangens nach Geachtetwerden, nach Besitz, Stellung und Macht, bisher immer nur die Luft geatmet, die Worte gesprochen, die Gedanken gedacht und nach den Gefühlen gehandelt haben, die uns von der Autorität geliefert worden sind . . . Von der Autorität, die mit dem gleichen Munde, mit dem sie den Befehl zum Feuern auf Menschen gibt, uns von Zivilisation spricht. Bedeutet das nicht, von allem Anfang an in der Lüge ertrunken sein, von Zivilisation zu sprechen, solange noch durch jede Straße Europas Menschen gehen, die an der Seite Messer hängen haben, dafür bestimmt, in Menschenleiber hineingebohrt zu werden? Zivilisation!

Zehn Millionen Menschen sind jetzt verendet. Warum? Für was sind diese zehn Millionen Menschen gestorben? Hat ein einziger von euch darüber nachgedacht, weshalb die Europäer ihre Jugend, ihre Jünglinge abschlachten? Warum dieser Krieg ausgebrochen ist? Ausbrechen mußte!“ Er wartete. Lange,