Ein wildes Schluchzen, das wie das Bellen eines Hundes klang. Aufgelöste Gesichter drehten sich einander zu. Weit offene Augen. Wortloses Fragen. Die Agentenwitwe sah Farben kreisen. Und taumelte dem Nächststehenden an die Brust.

Das Gesicht der Menge leuchtete wieder weiß auf.

„Ich sage euch: von diesem Zeitalter der Nützlichkeit, Ordnung, Organisation und Vernunft, von diesem Zeitalter des Egoismus, des Geldes, der Macht, Gewalt, Lüge und Autorität wird nichts übrig bleiben als ein Grauen davor und für die noch späteren Geschlechter ein Gelächter.“

Da spannte er weit die Arme aus, daß hinter ihm der von der Abendsonne rosig beleuchtete Kirchturm zum riesenhaften Kreuzespfahl wurde:

„Wir wollen uns jetzt endlich besinnen. Wollen denken. Uns daran erinnern, daß der Mensch gut und unser Bruder ist. Wir wollen endlich herausreißen aus unseren Herzen: die Gewohnheit, die Lüge, die Gewinnsucht, die Bewunderung der Gewalt, Autorität und Macht, damit nicht auch der Same der noch ungeborenen Geschlechter den Keim in sich trage zu neuem Morde.“

Plötzlich klang Kraft und großes Flehen in seiner Stimme:

„Jeden Tag werden zehntausend Menschen getötet, die so gerne, ach so gerne noch hätten leben wollen. Und doch sitzt der Schuster wie sonst in seiner Werkstatt, besohlt Stiefel, macht der Schreiner Möbel, steht der Fabrikarbeiter vor der Maschine, den ganzen Tag, der Kaufmann hinterm Ladentisch; es schreibt der Beamte Kanzleibogen voll und der Buchhalter rechnet, der Kellner bedient . . ., während jeden Tag zehntausend Menschen fallen und verenden, die vorher selbst Menschen töten mußten. Welch ein wahnwitziger, gedankenloser Egoismus! Wenn wir das Recht nicht verlieren wollen, uns noch Menschen zu heißen, dann müssen wir ohne Besinnen von den Hämmern, Hobeln, Schreibpulten und Maschinen weglaufen auf die Straße, den Nächstbesten am Arme packen, ihn packen, und unsere Stimme muß ihm das Herz durchgellen: ‚Es werden jeden Tag zehntausend Menschen erschlagen. Was sollen wir tun? Wie dürfen wir arbeiten, unserem Verdienste nachgehen, schlafen, essen, während jeden Tag zehntausend Menschen ermordet werden? Das darf nicht sein. Was sollen wir tun?‘ . . . Ich rufe euch zu, ich trage die Worte in euere Herzen hinein: wer heute, da täglich zehntausend Menschen grauenvoll verenden, seine Hand hebt zur Arbeit, ist ein Mörder. Denn er läßt Menschen töten und fragt nicht: was soll ich tun, daß sie nicht erschlagen werden.“

Da erbrach, ihre Petroleumkanne schwingend, die robuste Kriegswitwe ein wildes Gelächter.

Und die Sätze: „Man muß doch leben; was bleibt uns übrig; wir müssen doch verdienen, essen“, sprangen, von ihr zuerst geschrien, aus tausend Mündern heraus, dem verstummten Redner entgegen. Es schwoll der Tumult, vom Hasse in ein Ganzes zusammengeschmolzen, und stieß den Schrei ab und zum Himmel empor: „Was sollen wir denn tun! Was? Was sollen wir tun?“

Das war eine furchtbare Frage. Eine Frage, rund umstellt von grinsenden Ungeheuern, die eine Antwort nicht hereinlassen wollten.