Die übrigen sechzehn Kriegsselbstmörder lagen langgestreckt oder krampfkrumm, blutig oder giftbleich auf den abwaschbaren, weißlackierten Pritschen, über denen die drei großen Horizontalventilatoren kreisten. Auch in die Fenster waren sausende Ventilatoren eingebaut, die das Wort ‚Krieg‘ Tag und Nacht in die Länge zogen.
Der Leichenwärter führte den Anwalt zu dem vierzigjährigen Manne, der, von links gezählt, auf der fünften Pritsche lag und ein ungeheuer klagendes, zart hellblaues Gesicht hatte.
Der Anwalt erkannte in der Leiche sofort den Philosophen, dessen Einleitungsband einer ‚Gegensatzphilosophie‘ erst kürzlich erschienen war.
Schrecken und Zorn wechselten in schneller Folge in den Augen des Anwaltes, beim Erblicken dieses hellblauen Gesichtes, das erstarrt war in der Klage darüber, daß ein dreist-materialistisches, ungeistiges Zeitalter nicht erlaubt hatte, das Lebenswerk aufzubauen und zu vollenden.
„Weshalb hat er sich denn umgebracht? Weshalb denn?“
„Weiß nicht. Aber gewöhnlich liegt die Einberufung zum Militärdienst auf dem Tische; oder die Nachricht, daß der Mann gefallen ist, der Sohn . . . Bei dem Mädchen dort wars der Bräutigam.“ Er deutete auf das Mädchen, das, von links gezählt, auf der sechsten Pritsche neben dem Philosophen lag und wie er ein zart hellblaues Gesicht hatte.
Beide hatten sich mit Gas vergiftet.
„Weshalb griff er denn dem Schicksal vor? Er hätte sich doch sagen können: nicht alle fallen an der Front.“
„So habe ich bis vor zwei Jahren auch gedacht; seither habe ich mit vielen Angehörigen gesprochen . . . Es ist bei vielen nicht die Furcht vor dem Tode; es ist die Furcht vor der Kaserne. Es gibt Leute, die den Kasernenhof . . . und so weiter, nicht ertragen.“ Der Leichenwärter setzte sich, stützte den Ellenbogen auf eine Bahre, auf der eine Wasserleiche lag: ein schlammiges, grünes Etwas ohne Nase und Augen. Der Bauch war hoch aufgetrieben. Wasser tropfte immer noch gleichmäßig von der reinen, weißen Bahre hinunter auf den reinen, weißen Boden. Die Leiche war drei Wochen lang geschwommen.
‚Ist das Leichenschauhaus auch ein Feld der Ehre, auf dem Menschen liegen, die gestorben sind für des Reiches Größe und Weltmachtstellung?‘ „. . . Wer ist dieser Ertrunkene?“