Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, und nur die Überlegung — er würde vielleicht sein gutes Gefühl aus sich herauslächeln und wieder den Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln.

„Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?“ Der Arzt beobachtete Oldshatterhand unmerklich und scharf, und es schien, wie wenn er etwas ganz anderes in Erfahrung bringen wolle, als das, wonach er fragte.

„Der Maler Immermann steckt dahinter“, begann Oldshatterhand und machte eine Handbewegung um den Arzt herum in die Zimmerecke. „Sehen Sie, Herr Doktor, Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte es dem Bürgermeister, einem alten Bauern. Der nahm das Bild in die Hände, besah es genau, ganz genau, ging damit in die schattige Zimmerecke — aber die Sonne auf dem Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und so, bis ihm Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen ist gemalt. Das konnte der Bürgermeister gar nicht begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr Doktor, nicht das Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen konnte, solle die sechstausend Mark bekommen.“ Oldshatterhand schloß die Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte.

Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, daß des Arztes linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen zuckte. Er hätte nicht sagen können, weshalb ihm dieses Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf das Zucken. „Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen . . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf zur Seite . . . So, dachte ich mir, stellt er sich vor seine Tante hin und sagt: Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler Immermann diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von Anfang an wahr gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich erschossen . . . Und darauf kommt es doch ganz allein an . . . Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt Immermann und sagt: so und so — und Grünwiesler ist auf einmal ein schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht. Aber Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger Mensch geblieben, sein ganzes Leben lang, wenn Immermann nicht so und so gesagt hätte . . . Das denke ich.“

Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend sagte er: „Ich glaubte, ich würde etwas von dem Geld bekommen. Vielleicht tausend Mark.“ Und er hatte dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über einen Abgrund zu laufen.

Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus der Aktenmappe hervor. „Warum haben Sie denn dem Herrn Grünwiesler Ihre Photographie geschickt?“

Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. „. . . Hat er also wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler bat mich in dem Brief, ich solle ihm mein Bild senden; er wolle wieder einmal das Gesicht eines Freundes sehen . . . Und hat dann meine Photographie der Polizei übergeben. Jetzt sagen Sie einmal selbst“, schloß er langsam.

Sie haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten, er solle seiner Tante die sechstausend Mark wegnehmen?“

Oldshatterhand sprang auf. „Ich? . . . Ah!“ rief er langgezogen und wühlte in seinen Taschen nach dem Brief Grünwieslers. „Hier! Sehen Sie! Hier können Sie’s lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst: Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und lebe in schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß an. Gib mir einen Rat, was soll ich tun. Dein lebenslänglicher Freund . . . Und dann hat er mich angezeigt. Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit Bleistift geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich solle ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann hätte er das ausradiert. Ich hab aber vergessen, den Brief zurückzusenden . . . Wissen Sie, ich hab sehr gern, wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer zum Beispiel. Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar unordentlich. Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.“ Oldshatterhand glühte. „Und den zweiten Brief, hat er geschrieben, soll ich verbrennen. Jetzt weiß ich, warum er das gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich verbrannt.“

„Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt haben, ist sehr unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren Brief auch so lesen: Wenn Du mich anzeigst, erschieße ich Dich.“