„Leih mir zwölf Pfennig“, bat Oldshatterhand den bleichen Kapitän.
„Ich hab ja selber nimmer genug.“ Er lieh ihm aber sogar vierzehn Pfennige und sagte: „Die zwei gibst Trinkgeld.“
In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Straße lag, denn fünf Stufen führten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die Gäste saßen. Unter kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in den Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbüsten des Präsidenten Tom Krüger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit Fähnchen in den Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein Exemplar des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im Burenlager der Restauration Benommen. Auf diese Weise hielt er die Begeisterung der Mainviertler für die Buren wach und machte während des ganzen Krieges ein gutes Geschäft.
Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke.
In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das blutige Vorhemd des Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch stützte und, seine Freude über das verdiente Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah. Falkenauge saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag blau unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen über ihm an der Wand spielte, viele Töne auslassend:
Sah’ ein Knab ein Röslein stehn — — —
Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann, mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und Goldblättchen in den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verächtlich vorgeschoben, neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines jungen Mädchens mit gesundbleichem Gesicht und braunen Augen, während die Witwe Benommen, klein und zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben Gesicht, die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und verbissen die Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte sie das Regiment nicht aus den Händen gegeben. Der Sohn hatte die altbewährte Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er sie in eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die Kellnerin aufgab, deren Kündigung die Alte schon durchgesetzt hatte.
Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die schöne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen gegen den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger zur Türe wies: „In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin poussiert! Merk dir das!“
Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit übertrieben gleichgültiger Miene.
Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: „Gehen Sie doch gleich in die Fischergaß, wo Sie hingehören.“