Der Vorsitzende wies ihn streng zurecht.

Und der Arzt antwortete dem Staatsanwalt: „Da es sich beim Angeklagten um einen ausgesprochenen Grenzfall handelt, kann ich mich nicht entscheiden, ob infolge seiner vererbten und erworbenen Anlagen mildernde Umstände in Frage kommen dürften. Doch würde ich, gesetzt, ich müßte mich entscheiden, eher Nein sagen als Ja.“ Er verbeugte sich.

Und der Verteidiger rief in das durch Stellungwechseln der Zuschauer verursachte Geräusch hinein mit verzweifelt dünner Stimme: „Zuerst sagen Sie, Sie können sich nicht entscheiden, und dann entscheiden Sie sich doch! Das kann jeder! Ich auch.“

Worauf der Psychiater ein Gesicht machte wie ein Mensch, der ans Verfolgtwerden gewöhnt ist.

Kurz und scharf ließ der Staatsanwalt in seiner Schlußrede den Gang der Verhandlung noch einmal aufhellen, streifte öfters mit einem Blick seine Frau, die ein helles Frühlingskleid von unbestimmter Farbe trug, eine große, weinrote Schleife seitwärts am Halse, und die Atmosphäre von Jugend und Gepflegtsein um sich verbreitete.

Beim Erwähnen der Not und der ständigen Geldlosigkeit wurde seine Stimme milder, wieder laut und bestimmt bei der Arbeitsscheu und den Beziehungen zum Straßenmädchen, und als er das Auffinden des erwürgten Lehrers vor der durchwühlten Schreibtischlade und des geraubten Geldes beim Dichter in einem gut gebauten, effektvoll gesteigerten Satz zusammengefaßt hatte, wirkte die ruhige Selbstverständlichkeit seines Tonfalls sehr überzeugend bei der Schlußbitte, die Schuldfrage nach vorsätzlichem, überlegtem Raubmord zu bejahen.

Während der Worte des Staatsanwalts, der Dichter habe moralisch zwei Menschenleben auf dem Gewissen — denn die treue Haushälterin des Lehrers sei vor Schreck erkrankt und gestorben —, hatte der Offizialverteidiger das Monokel abgenommen.

An diesem Ausspruch klammerte er sich an bei seinem Verteidigungsversuch, behauptete, man könne nicht ohne weiteres annehmen, daß dem Dichter auch noch die Schuld am Tode der Haushälterin beizumessen sei, wurde sehr erregt und fand das Monokel nicht. Nervös setzte er seinen Zwicker auf und durchblätterte eine Zeitung:

„Ich muß erklären, daß er gearbeitet hat. In der heutigen Nummer ist sogar etwas von ihm abgedruckt. Ist denn Dichten keine Arbeit? . . . Hier!“

In seiner Ratlosigkeit las er vor: