Ich eile zum Schlusse. Es würde mich zwar sehr freuen, wenn ich Sie Alle zur Alkoholabstinenz bekehren könnte, allein ich bin nicht so phantastisch und sanguinisch, um etwas derartiges zu erwarten. Meine Wünsche und Hoffnungen sind bescheidener. Ich würde es schon als einen sehr schönen Erfolg betrachten, wenn ich Sie dazu bestimmen könnte, der Alkoholfrage das Interesse zu schenken, das sie verdient, und Ihren Alkoholgenuß, wenn Sie schon von diesem nicht ganz lassen wollen, wenigstens so zu beschränken, daß durch denselben weder Ihre Arbeitskraft noch Ihre Gesundheit leidet. Sie müssen dabei, wie ich nicht verhehlen darf, vor allem auf den gewohnheitsmäßigen täglichen Genuß von Bier und Wein verzichten, Ihren Konsum auf einzelne Tage beschränken und in sehr bescheidenen Grenzen halten. Daß dadurch die Freuden der studentischen Geselligkeit geschmälert werden müßten, ist eine völlig ungerechtfertigte Annahme. »Jugend«, sagt Goethe, »ist Rausch ohne Wein«. Sie bedürfen nicht des verdummenden Einflusses der Alcoholica, um sich in eine gesellige Stimmung zu versetzen. Sie besitzen in Ihrer Jugend, Ihrer Bildung und Ihren freundschaftlichen Beziehungen zu gleichgesinnten Kameraden genügende Quellen geistiger Anregung. Sie müssen aber ferner in jenen Zeiten, in welchen besonders hohe Anforderungen an Ihre geistige Arbeitskraft gestellt werden, in der Zeit der Vorbereitung für ein Examen, sich des Alkoholgenusses dauernd und gänzlich enthalten. Es ist dies keine allzu schwere Aufgabe und eine Aufgabe, der Sie gerecht werden müssen, wenn Sie den Anforderungen Ihrer gegenwärtigen und künftigen Stellung genügen und Ihre Gesundheit ungeschmälert erhalten wollen. Sie dürfen eben nicht übersehen, daß die gemütlichen Zeiten des Studentenlebens schon lange vorüber sind. Auch der Student wird heutzutage von dem Kampf ums Dasein, von dem Drucke einer stetig sich steigernden Konkurrenz sehr bedeutend berührt. Die Fortschritte in allen Wissenschaften bedingen es, daß das wissenschaftliche Material, das der Student sich anzueignen hat, wächst, und damit die Prüfungsanforderungen zunehmen. Dazu kommen die mißlichen Verhältnisse, welche die enorme Überfüllung der gelehrten Berufe im Laufe der Jahre mit sich gebracht haben. In der gewaltig gesteigerten Konkurrenz hat der weniger Befähigte und weniger Unterrichtete ungleich geringere Chancen als früher, eine befriedigende Stellung zu erlangen.
Für die Juristen hat der den Bedarf weit übersteigende Nachwuchs bereits die Folge gehabt, daß Maßnahmen als notwendig erachtet wurden, die auf eine stärkere Auslese der Kandidaten durch die Examina abzielen. Nach verbürgten Nachrichten sollen diejenigen, welche die dritte Note im Staatskonkurs erhalten, künftig als durchgefallen gelten, was eine außerordentliche Verschärfung der Examensanforderungen bedeuten würde.[4] Sie sehen, daß große und in Zukunft noch steigende Ansprüche an Ihre Arbeitskraft gestellt werden und Sie daher allen Grund haben, diese als ein kostbares Gut zu betrachten, das Sie sich ungeschmälert erhalten müssen. Dies kann aber nur dadurch geschehen, daß Sie sich nicht mit der landläufigen Mäßigkeit in alcoholicis begnügen, sondern sich entweder zur Abstinenz oder wenigstens zu der von mir angedeuteten Beschränkung des Alkoholkonsums entschließen. Die Durchführung dieses Entschlusses erheischt jedoch etwas, was Viele von Ihnen noch nicht in genügendem Maße besitzen: das Freisein von Vorurteilen, die auch in den studentischen Kreisen noch allzusehr verbreitet sind, und eine gewisse moralische Festigkeit. Sie müssen sich von der Idee völlig losreißen, daß derjenige, der ungezählte Seidel hinunterstürzen kann, der richtige Mann ist, daß das scheinbare Vertragen eines großen Bierquantums ein Zeichen von Kraft und Männlichkeit bildet und die Beschränkung im Alkoholgenuß auf Unmännlichkeit und Schwäche hinweist. Es lastet noch, wie ich nicht verkennen will, wie ein Fluch auf dem deutschen Volke, daß man die Unmäßigkeit im Trinken nicht so ungünstig beurteilt, wie die im Essen, ja, daß man sie sogar vielfach noch als eine schätzenswerte Eigenschaft betrachtet, wenn ihr eine gewisse Trinkfestigkeit zur Seite steht. Von Ihnen darf ich nun wohl erwarten, daß Sie von diesen Vorurteilen sich gänzlich frei machen, durch den Anschein der Trinkfestigkeit sich nicht länger täuschen lassen und stets berücksichtigen: Nicht die Trinkfesten sind es, die den höchsten geistigen und körperlichen Anstrengungen gewachsen sind, sondern die Abstinenten und die im Alkoholgenuß sich sehr Beschränkenden. Sie werden, wenn Sie dies erwägen, auch allezeit die Festigkeit besitzen, den Grundsätzen, die Sie in der Alkoholfrage als die richtigen erkannt haben, treu zu bleiben, und auf deren Befolgung nicht aus irgendwelchen gesellschaftlichen Rücksichten zu verzichten. Sie werden Ihre Männlichkeit dadurch beweisen, daß Sie nicht wie der gemeine Haufe einfach mittun, wo getrunken wird, blos um keine Ausnahme zu machen und unliebsame Bemerkungen auf sich zu laden, sondern Ihren Standpunkt in der Alkoholfrage sowohl dem Einzelnen als der Masse gegenüber wahren, unbekümmert darum, was die Rückständigen und Versumpften von Ihnen halten mögen. Sie werden durch dieses selbstbewußte Vorgehen sich Achtung verschaffen, Ihre Zahl wird sich, wenn auch nur langsam, mehren, und allmählich wird es dahin kommen, daß Sie, die jetzt nur eine kleine Minorität in den studentischen Kreisen bilden, die Majorität erlangen und der Welt zeigen, daß die Fröhlichkeit des Studentenlebens nicht an den Gambrinusdienst gebunden ist. Sind aber einmal die Trinksitten der akademischen Jugend auf den Aussterbeetat gesetzt, dann kann eine Reform in bezug auf die Trinkgewohnheiten unserer ganzen gebildeten Gesellschaft nicht ausbleiben. Die Studierenden werden das, was sie in den Universitätsjahren geübt, in das praktische Leben hinübernehmen, und das Beispiel, das sie als Männer in den verschiedensten Lebensstellungen geben, wird vorbildlich auf die ganze gebildete Gesellschaft wirken. Dann, aber auch erst dann wird es möglich sein, jene Änderungen in den Trinkgewohnheiten der großen Masse, der unteren Volksschichten herbeizuführen, die im Interesse der Volksgesundheit und des Volkswohlstandes schon längst nötig gewesen wären.
Literatur betreffs der studentischen Trinksitten.
O. Dolch: Geschichte des deutschen Studententums, von der Gründung der deutschen Universitäten bis zu den deutschen Freiheitskriegen. Leipzig: Brockhaus 1858.
R. Fick: Auf Deutschlands hohen Schulen. Eine illustrierte kulturgeschichtliche Darstellung deutschen Hochschul- und Studentenwesens. Berlin-Leipzig: H. L. Thilo 1900.
A. Tholuck: Das akademische Leben des 17. Jahrhunderts. Halle: Anton 1853.
A. Richter: Bilder aus der deutschen Kulturgeschichte. II. Band 1893. Studentenleben im 16. und 17. Jahrhundert.