Die Arminia!
Das durchzuckte mich. Nie sie gesehen; und auf Sie schien mir der Wechselbrief vom Vater gestellt. Man verliebt sich schon voraus, vorher, ehe man Jemand sieht, hört, anrührt! Und doch nicht: hatte mich nicht schon viele Tage zuvor das Wort gerührt, das ich heute nur wieder hörte: „die Allerschönste, die Allerbeste!“ Herr von Stifter, ein nur zu bekannter Weiberkenner, hatte das Wort gesagt. Und wußte Ich von Natur nicht: was ein Mädchen überhaupt ist, was jeder Jüngling von Natur? und Jeder würde die Gestalt des Weibes zeitlebens vermissen, wenn kein Weib auf der Welt wäre. Was sie ihm aber besonders sein und werden soll, o das weiß er erst recht. Und von welchem naturadligen schönem Geschlechte auch die Arminia sein mußte, das hatte ich heute an Siebzehn ihrer Schwestern gesehen, vielleicht an ihr selbst!
Merke wohl: wie hier der Himmel dich im Voraus lehrte: sie zu entbehren, sie nicht zu besitzen! Aber das Wort, besitzen von einer Geliebten oder einem Weibe gesagt, ist doch zu abscheulich und sollte nie von jemand gebraucht werden, der seine Ausdrücke gemalt, von der Phantasie illustriert und ausgeführt vor Augen sieht. Ein anderer Tropus statt besitzen, eines Engels, wäre aber noch unziemlicher, obgleich das Wort besitzen auf ewig nur dem Alp zu vermachen ist.
Jetzt wurden auch die Hunde, Neufundländer, zu uns gejagt. Sogar zwei zahme Kraniche und Störche. Das thaten die Schwestern, die jetzt einen Kreis um die in ihrem weißen Kleide daliegende Todte schlossen, aber den Rücken auf sie zugekehrt, die blassen Gesichter nach außen. Sie trockneten sich manchmal die Thränen selbst, oder auch Eine der Andern. Doch sah ich noch, daß der Pastor dem Chirurgus mit einem weißen Tuche die Augen verband, dann Herr von Sangallo dem Chirurgus. Darauf kam der Vater selbst aus dem Kreise hervor.
Was machten sie nur? Ich hatte keinen Teller mit Blut von einem Aderlaß wegtragen sehen. Die Frau Pastorin meinte: vielleicht ist das eine Bezauberung, die der vagabundirende Pastor angeordnet hat. Aber da gäbe sich mein Mann ja nicht dazu her! Vielleicht eine magnetische Kur aus der Ferne; meinte ein Herr.
Darauf fing es zu regnen an, warmen befruchtenden Regen in großen Tropfen. Ich hörte freudige Stimmen. Der Kreis der Schwestern löste sich auf; aber sie blieben zerstreut, oder hier Drei, wie Grazien; dort Neun, wie Musen; dort wieder zwei in der Nähe stehen, so daß ich nun durch die Lücken deutlich sah: die beiden Männer nahmen sich die Binden von den Augen, und mit ihren Schaufeln schaufelten sie noch hie und da. Dann standen sie, auf die Geräthe gelehnt, bis der Pastor sein Grabscheid in die Erde stach, seine Frau holen kam, die mit ihm näher hinging, dann mir winkte, zu folgen.
Ich nahte mich. Von dem großen eirunden schwarzen lockeren Blumenbeet waren alle Blumen ausgerissen, und in der Mitte lag Arminia begraben; leicht, doch sorgsam bedeckt. Nur ihr dem Himmel zugekehrtes bloßes Antlitz blinkte aus der schwarzen Erde. Die Augenlieder bedeckten die Augen, die Lippen die Zähne. Kein Hals, keine Schultern, kein Arm erschien. Es sah aus, als wenn man einen Engel aus einem Bilde begraben hätte, der ohne Leib war. Und wenn dieses schöne Antlitz mit diesen schwarzen Haaren allein lebendig gewesen, allein liebte, redete, blickte — wäre das: das Weib? das ganze Weib? Ich lachte bald der Thoren, und lächelte wirklich; und empfand in meinem ganzen Wesen von Jammer entzückt und von Wonne durchjagt: ein Weib ist mehr wie ein Engel. — Und da lag sie begraben — wenn der Himmel noch seine Wunder könne, um aufzuerstehen von den Todten! Wie der Erdschooß das erste Weib hervorgequollen, so sollte er sie heute, groß und vollendet, noch einmal zur Welt bringen.
Welche Wunder geschehen vielleicht jetzt! sprach Doctor Schleyerlöser. Weil das Volk keinen wahren Begriff von den wahren alle Tage geschehenden Wundern hat, weil ihm Sonne, Mond und Sterne bloß nützliches oder schönes Gaukelspiel, der Wind mäßiges überflüßiges Gesause dünkt, und Geburt eines Kindes nur ein Anlaß zu einem Schmause ist; weil alle gerade zu erstickt und ersoffen in Wundern sind, weil sie selbst — sie die elenden Schlucker und elenden Schluckerinnen — deren Eins eine bekannte Prinzessin, das Andre eine Frau Besenbinderin, oder Frau Justizräthin, wieder ein anderer ein Schornsteinfeger oder ein bekannter Fürst ist — weil sie Selbst nicht allein ein Wunder mit sein sollen, sondern sogar Eins der größten Wunder — darum verlangen die Zeichen und Wunder; darum halten sie Unsinniges und Unmögliches für mehr, ja für heilig und allein für göttliche Religionspflicht es zu glauben, weil es ihr Verstand und also jeder Verstand nicht faßte. Soll man nun diese Menschen beneiden, daß sie Etwas mehr haben als alle Andere? oder sie verlachen und verspotten? Ich meine: Keins von beiden; aber sie belehren und belehren lassen — und auch dazu reicht die einzige Freiheit, außer der wir nichts mehr bedürfen, (als die große Mutter der Götter und Menschen) — die Preßfreiheit.
Ich sah aber, wie dem armen Mädchen vom Regen die Augenwinkel, wie von gesammelten Thränen voll Wasser standen, das von Stirn und Wangen da zusammenfloß, und über die blassen Wangen ab.