Herr von Rizzi stand ganz betroffen über die Nachricht des Todes von seinem Rheingraf. Muß ich Gott nun nicht danken für das, was ich für eine Beraubung hielt? Meine gute Tochter, sprach er zu seiner schönen Clementine, nun wärst Du eine Wittwe! Und eine Wittwe so jung und reich sie ist, verheirathet sich schwer! Dabei küßte er sie auf die Stirn. Das edle Mädchen schwieg.
Eine der sonderbaren geheimnißvollen Stunden der Erde verging. Mein gerufener Arzt kam. War nun vorher schon eine Veränderung in den Schwestern vorgegangen, welche zumeist der vagabunde fromme Mann nur erst gerade durch seine Zaubercur zu Wege gebracht, indem er Natur und Schicksal und göttliche Dinge für curabel und verbesserlich ausgegeben, und sich für den Generalgewaltigen: sie zu curiren; so befiel nun alle ein soliderer Schreck: die Reisenden hatten die Blattern mit ins Haus gebracht. Die schöne Kammerjungfer hatte ihre Freundin vor dem Tode noch einmal heimlich besucht und sich selbst sie deutlich erkennbar geholt. Auch Dolly, die Eine der feindlichen Schwestern, war davon ergriffen, und zu den beiden unzertrennlichen Kleinen, zu der Zwergin Aïscha und der jüngsten Tochter des Irländers zuckte der hierin weise Salomon die Achseln und schwieg. Der Baronet bat nothgedrungen den Herrn von Holycock um das Gastrecht mit den Worten: „Ich bin ein Fremder! Die Kinder sind fremd!“ Der Vater drückte ihm die Hand, und den Gästen wurde eingerichtet. Der brave Vater-Postdirector, was er indessen geworden zur Anerkennung überaus löblicher redlicher Postmeisterschaft, empfahl sich mit seinen fünf Töchtern und dem dritten Verlobten, auf gesundes Wiedersehen, alsbald sehr vorsichtig. Der steinreiche herrliche Mann, der nur als schon bejahrt in Todesangst schwebte vor seinem gewiß noch fernem Ende alle seine Töchter wohl zu verheirathen, bedachte gewiß: daß sie zur Heirath doch leben müßten und schön bleiben! Und daran hatte er Recht. Niemand belächelte seine Liebe. Ich selbst sandte Brigitten in aller Stille nach Hause fort, um mein Haus einzurichten für die Schwestern Sangallo, gab ihr einen Brief an meine rechtschaffene Mutter mit, in welchem ich sie bat, Brigitten durchaus nicht mehr von sich zu lassen! Aber Herr von Sangallo befahl weder seinen Töchtern, noch wehrte er ihnen, indeß in mein Schloß hinüberzuziehen, das ich ihm angeboten. „Sie sind vor zwei Jahren alle zum drittenmal vaccinirt“, sprach er nur, durchaus nicht kopfscheu vor der Natur und ihrer Gerechtigkeit, die von menschlichen Gesetzen oder Befehlen nicht eingefangen noch gebannt wird, und von Kaiser und Pabst sich kein X für ein U machen läßt, sondern frei aus allen heiligen Pentagrammen und Dreiecken schreitet — und Niemanden auslacht, der da weint.
Arminien suchte ich; aber vergebens. Erst spät, als ich schon Abschied genommen, sah ich sie vom Schlosse aus, im Garten an dem Orte stehen, wo ich ihr aus dem Grabe geholfen. Sie starrte da hinab, als wünschte sie: nicht daraus auferstanden zu sein. Als ich aber selbst in den Garten kam, war sie entschlichen, und in der Dämmrung auf der Erde, über die schon die Sterne am Himmel heraustraten und blinkten, konnt’ ich sie nirgends entdecken. Ich schlich zu meinem Kahn. Der See glomm in Abendschein. Da hörte ich die Melodie des Liedes mit rührender Stimme singen. Es war Afanasia in wahrem Schmerz des Verlustes ihres Geliebten, und die Abendluft hauchte mir — da mich nur wenige Gebüsche von ihr schieden, jedes Wort verständlich zu. Sie war „die Erwartende“ selbst, und sang aus tiefster Seele:
Hier sitz’ ich am Gartenpförtchen
Im goldenen Abendschein;
Hier bist Du hinausgegangen —
Wann kommst Du hier wieder herein?
Du bist von mir fortgezogen
In die weite Welt hinein;
Ich weinte Dir bittere Thränen,