Raimund aber sprach leise zu Ramon: Der Narr hat gut gewirkt! und die Weiber mit Menschengefühl immer. Nun werden die Armen gewiß auch nach Rom gebracht! Nun muß ich fort. Du wirst ja hören, vielleicht noch heute, wenn du hinaufgehst zu den Augen- und Nasenpatienten. Wie froh bin ich. — Sie drückten sich die Hände.
Das lustige Volk aber lief wieder zurück zu dem Galgen, denn es hörte und sah: ihm zu einigem Ersatze wurde der Pfennigdieb gehangen,[13)] der ärmste und lustigste Vogel in Köln seit vielen Jahren und Carnevalen. — „Fleisch lebe wohl!“ hatte er, schon den Strick um den Hals, noch gerufen. Nun seht und versteht: Ich werde euch zur letzten Freude ganz ausgelassen mit meinen zwei Beinen zappeln — mehre habe ich nicht für den Augenblick — und dabei wißt nur: da tanz’ ich mit Lilith, der alten Großmutter — ihr wißt schon von wem!
Und das Volk lachte unter den Masken hervor schauerlich, und sang dazu — denn es war ja Carneval, und ein Spaß mußte doch sein.
Elftes Capitel.
Raimund’s erster Bericht aus Koblenz.
So sind wir denn fort — „man sollte es gar nicht glauben!“ wie du immer sagst, guter Ramon. Ich bin ganz nüchtern, und doch wie betrunken; denn du hast Recht: Alles steckt an; man wird blind unter Blinden, und taub unter Tauben; ein Kind ist auf Erden auch nur ein angesteckter Mensch, und unter lauter Amseln wird er zuletzt nur pfeifen, und unter lauter Glocken zuletzt nichts als: „bim-baum! — bim-baum!“ summen. So singe ich schon zuweilen mit den Kindern, und das Weinen wird auch noch kommen! Vor der Hand halte ich manchmal und lache den Zug unserer Kinder Israel an. Wenn wir doch eine Wüste hätten, um drinnen nur zehn Jahre größer zu wachsen, so würden wir zusammen mit den fränkischen Kindern ein schöner Stamm kluger Abendländer im Morgenlande werden, der aus seiner Erinnerung gar kein dummes Leben herstellen würde. Denn die ganze Menschheit muß wirklich vorher in einem sehr vernünftigen, stillen, geheimen Lande gewohnt haben, daß sie immer ein Vernünftigeres, Besseres — oder Ewigaltes zutage fördert, wie eine Art Bergleute oder Berggeister.
Also zum Nagelneuem!
Den Auszug aus Köln[14)] habt Ihr selbst mit Augen gesehen, und die Nachwelt wird Euch darum beneiden. Denn auf gewisse Weise ist das Geschlecht glücklich, das etwas Großes, Ungeheueres, Schönes, Lächerliches und fast immer ein Einziges, Einmaliges mit angesehen, mit gefühlt und mit überstanden hat, vom Trojanischen Pferde an bis etwa zu der schändlichen lateinischen Eroberung von Konstantinopel, heute vor acht Jahren. Ihr habt den Zuzug der Kreuzkinder aus den andern Städten, aus Aachen, Wesel, Düsseldorf, Lüttich, ja bis von Münster singen und weinen gehört, ihr Lager auf den freien großen Plätzen gesehen . . . wie die, in den Häusern guter Leute nicht schon aufgenommenen und gespeiseten in den Hallen der Kirchen und den Gängen der Klöster die Nacht verbracht . . . wie bei Sonnenaufgang alle Glocken die Kinder erweckt . . . wie sie eingesegnet unter dem Severinthor, aus einem Wirrwar ohne Gleichen sich allmälig zu einer Art Leichenzug ohne Ende gestaltet, an dessen Spitze der Hirtenknabe Nikolas, von sechs starken Knaben gezogen, fuhr, in einer niedrigen, vierrädrigen, vergoldeten Karrete mit seidenem Baldachin gegen Sonne und Wetter; denn auch Herrschen und Herrscherpracht steckt an, und er wollte und sein Wagen sollte nicht schlechter sein als die französische Kindercarrosse seines Herrn Bruders St.-Etienne. Und das Alles mußte man mit frommen Gesichte, und gefalteten Händen ansehen, sonst bekam man die schönsten Ohrfeigen. Meine Gesichter Hab’ ich im Leibe geschnitten, und mein Bauchredner hat seine Reden andere Leute halten lassen. Von den Thürmen habt Ihr uns nachgesehen, wie den Knaben die Hunde nachliefen; wie manche gute Mutter ihren Kindern noch allerhand brachte; da Eine ein kleines Päckchen mit Hirschtalg, wenn sie sich die Füße wund, oder, was man so nennt, sich gar einen Wolf gelaufen. Ja, eine Mutter brachte ihrem guten Käthchen bis auf das erste Dorf, bis nach Rothenkirchen, eine Düte mit Fliederthee nach, wenn sie sich erkältet hätte! — Da kamen mir die Thränen schon in die Augen, Als aber ein armer guter Vater seinem Knaben noch sein Bette nachbrachte — nämlich einen grobleinwandenen Scheffelsack, darein er zu Nacht kriechen und die Bändel desselben unter dem Kinn zubinden sollte, und der liebe Sohn dem lieben Vater dafür um den Hals fiel — da brachen die Thränen mir auch wirklich aus. Die Reihe der Völker kann in nichts so Absonderliches verfallen, daß dem Herzen nicht viel Gutes zu thun und der Seele viel Besseres zu ahnen übrig bliebe! Vor der Hand habe ich bemerkt, daß die Kinder in ihrem Glaubensstolz und aus Würdegefühl ihres Zugs sich unterwegs nichts erbitten, sondern, ganz als wenn Alles ihnen gehörte, es geradezu nehmen und ohne Dank damit davongehen! Das erscheint als etwas Erhabenes. Ueberhaupt halten sie kaum etwas Anderes für Sünde als — ich weiß nicht was! und kaum etwas Anderes für herrlich als ihr Thun und ihren heiligen Pilgerzug. Und viele Menschen halten ihren ganzen Wandel auf Erden für einen solchen Zug und leben danach wie himmlisch vogelfrei! Da haben wir unsern Pilgerzug, den Adam und Eva schon derb und tüchtig angetreten!
Zu gutem Glück ist noch nichts auf den Feldern, noch auf den Bäumen; keine Kirsche, keine Birne, keine Kastanie, keine Nuß — denn sonst — wohldenenselben! Aber sie hatten sich im vorletzten Dorfe über einen Korb mit Ziegenkäsen erbarmt (denn ihnen ist das ein Erbarmen, ein Herablassen). Meinem Inquilinen, meinem Naturalisten mit nicht erst angeglaubtem strengem Gewissen im Leibe, konnte ich aber den Mund da nicht stopfen und die Lust, in den im Hofe stehenden Ziegenbock, in das Kalb und den bellenden Kettenhund zu fahren; und der Bock sprach: Engel wollt ihr sein, und Diebe seid ihr! und „Diebe“ bellte der Hund, und „Diebe“ blökte das Kalb. Aber das Reden der Thiere nahmen sie unverwundert so hin, als lebten sie im Alten Testamente zu Bileam’s Zeiten, und sie würden noch der Anrede von Thieren gewürdigt! Aber sie meckerten nur den Bock an, bellten den Hund nach und jagten das Kalb umher.
Wie ich so stand, fassen von hinten mich weiche Hände an den Schultern, kehren mich um, und wer lacht mir mit dem bildschönen Gesichte in die Augen — Gaiette, die eine alte französische Theorbe, oder was für ein Ding, an einem Bande umhängen hatte. Das sehr schön gewachsene lustige Mädchen frug mich mit verstellter klagender Sorge: Lieber Herr Raimund, wo soll man diese Nacht wieder schlafen?
Ich rieth ihr kurz und ernst: Nun zur Seite unserer Irmengard, der du zum Schutz und zur Wache ja mitgegangen bist.