Darauf schweifte der kölner Herr mit Blicken umher, nach seiner Väter Burg, mit dem schönen See und dem schönen Garten. Ach, das ist nur die Kilschburg, rief er ungeduldig, das Schloß der alten reichen Schaafhausen, — und dort nur das Schloß der edeln Hompesche — dort brennen schon die vielen Töpferofen in Effern, erst ganz blaß und wie der noch in der Abendröthe schon aufgegangene Vollmond scheinlos — dort das ist das Schloß der kunstliebenden Herren, wie kann man den Namen vergessen — der Delius, auf Klettenberg — ach! und dort aus den Linden ragt meiner Väter Schloß, die Lindenburg, und sein See blinkt! und der einstige Römer-Aufwurf, „der Zug“, grünt weit herum schon an vom Frühling. Ach, wenn nur nicht alle meine Väter, Mütter und ihre Freunde dort wie im Bann auf dem großen Kirchhofe da zu Melaten lägen, und sie erwarteten mich jetzt in ihrem Staat, das sollte eine sehenswürdige Gesellschaft sein, und gar erst welche hörenswürdige! Sie hatten die Vorliebe für alle Dörfer auf „Ich“, die sie nacheinander besaßen, als da sind: Fischen-Ich, Kenden-Ich, Mischen-Ich, Mergen-Ich, Leichen-Ich, Mettern-Ich, groß und klein Virn-Ich und zuletzt gar Ichen-Dorf.
Und einer der berühmten furchtbaren Stadtmiliz, der sogenannten „Funken“, ein alter Funke, der hier auf dem Hügel mit andern über die Arbeiten mit Pickelhaube und Spieß Aufsicht hatte, sah ihn lange und immer wieder an und frug ihn endlich doch: Gestrenger Herr, sind Sie nicht Herr Sinzenich? Das ist blos ein Gesicht eines Sinzenich, das ich viel tausend mal, früh und abends, ja die Nacht im Traume gesehen. Ich war Knappe bei Euerm Großvater. Der alte Elias war Schäfer derzeit, und ist richtig auch in Himmel gefahren. Sein Sohn Elias der Zweite ist aus einem tüchtigen Schäfer nun berufener Scharfrichter geworden, sitzt auf seiner schönen Scharfrichterei wie ein Rathsherr, und sein Enkel, der Nikolas, noch ein junges kluges Blut, hütet wieder die Schafe um Eure Lindenburg. Ich bin der alte Bertram — und Sie, sind Sie nicht Herr Sinzenich?
Die umstehenden angestochenen Arbeiter lachten und sangen und tanzten das Wort um ihn herum: „Sind Sie nicht Herr Sinzenich? . . . Sind Sie nicht Herr Sinzenich?“ . . . und selbst der Doctor lachte.
Da sah ihn der Funke scheel an und frug: und du, bist du nicht ein Jude? und trägst Waffen! und was hat denn ein Jude zu hauen und zu stechen? Her mit dem Schwert!
Dabei stieß ihn der Funke mit der Faust ins Gesicht und riß ihm das Schwert aus der Scheide; der Jude stellte sich herz- und ehrentodt und reichte ihm auch noch die Scheide sammt der Kette.
So ist’s recht, du Lump! lobte ihn der Funke. Der Kaufherr aber beschenkte ihn klüglich und sagte: Ja, ich bin der Raimund, und frug ihn: Bertram, alter guter Bertram, mein Bruder lebt doch noch? Und die höfliche Antwort fiel: Bis vor einer halben Stunde; kann ich versichern. Er war hier. Er hat hier draußen misliche Geschäfte — auch wegen Juden! Er wird sie Euch schon offenbaren! Kommt nur erst heim!
Ritt er nach der Lindenburg? oder in die Stadt?
In die Stadt, war die Antwort. Und so sprengten sie fort von dem Judentod oder dem todten Juden. Auf der kurzen Strecke bis zum Thore bot der Kaufherr dem Doctor, den er als ehrlichen, braven, überall hülfreichen Mann erkannt hatte, Wohnung mit in ihrem Hause an. Der Jude nahm es mit dankenden Worten, leise sprechend an: Ich starre schwer von Gold — ich floh aus Spanien, vor . . .
Und ich aus Frankreich, entgegnete Raimund; auch vor demselben Feinde; mein Geld aber habe ich durch treue Hände auf sicherm Wege vorausgesandt.