Sie hielt ihren breitrandigen Pilgerhut auf dem Schoose, und noch erhitzt im Gesicht von dem Uebungszuge, dem Singen und dem Weinen mit der zahllosen Heerde von Knaben und Mädchen ermüdet, saß sie in ihren Locken, zum Verwundern zugleich und zum Kopfschütteln sonderbar und doch hübsch, wie eine aufbrechende Blume des Himmels in Menschengestalt mit Armen und Beinen und Nase und Augen und Ohren auf Erden, wie eine Novize der Heiligkeit da, der die Locken noch nicht abgeschnitten sind und deren Lippen noch Keinem einen Kuß gegeben haben, aber dem Kusse entgegen brennen mit aller Menschen- und Mädchenglut.
Und so hörte die junge Irmengard, was ihr noch nie gesehener Oheim Raimund mit erschütterter Seele erst selbst erfuhr, indem er las, und zögernd Das aussprach, was überhaupt erst dadurch wahr zu werden schien, daß er es aussprach:
— — — „Bescheid des Rathes der Hohen Zehner hiesiger freien Reichs- und Hansestadt, &c.
— „Leider und abermals leider ist das Unglück, wie der leidige Satanas, eine so freche Person, die sich erdreistet, mir nichts dir nichts höchsten und hohen Personen wie Allergemeinsten und Aermsten an ihr Habe und Gut, ja an ihr Herz zu greifen und unser pflichtmäßigstes Bedauern, daß das in unsern Zeiten allerschmählichst und redlich geschmähte Unglück auch Euch, Ihr biederer Herr Rath und unser ehrbarstes Mitglied selbst, in Eurer Tochter das Herz uns gebrochen und im Leibe zerrissen, ja zermalmet hat. Weswegen wir Euch gebührendermaßen bedauern, da wir Euch nicht helfen können, ja nicht wollen, weil wir nicht wollen dürfen; ausgenommen wir leugneten die Schöpfung der Welt, Sündenfall und Erlösung, und hätten wenig, ja keine Furcht vor einem Weltgericht, das Gott uns Allen gnädig gebe! Amen.
„Weswegen wir Euch denn unsere gerechte Freude bezeigen und Euch hochbeloben, daß Ihr in Eurer — hoffentlich letzten Eingabe bescheidentlichst gar nicht mehr «um das Leben» Eurer verlorenen, ja schon vorläufig verfluchten Tochter Frederune bittet, sondern blos, zugleich als menschlich oder teuflisch nicht ganz zu leugnender Großvater von mütterlicher Seite, nun ihren leider nicht ganz zu leugnenden Mutterwunsch gottergebenst uns vor Ohren bringt, daß an dem zu Gottes Ehre angesetzten heiligen Tage der Hurd: ihr armes Würmlein, ein Knäblein oder ein Fräulein, oder so Gott so gewollt: gar Zwillinge noch im Mutterleibe noch und schon mit verbrennen müssen, ohne noch schreien zu können; ihr aber zur unnatürlichsten oder natürlichsten Qual, ja Verzweiflung, indeß wir zu unserm Heil nichts mit der Natur zu thun noch zu schaffen haben, also nicht zugeben können noch wollen, weil wir, wie besagt, nicht wollen dürfen, auch wenn wir wollten, und unsere Weiber daheim uns mit Thränen gefleht, ja bedroht haben aus weiblicher Schwachheit; weil ja Eure Tochter alsdann sogleich auf der Stelle verbrannt sein wolle mit ihrem Galan, wenn und sobald sie nur das Kind geboren, gesehen, zum Himmel gehoben und redlich, ja über die Maßen beweint; ja auch stillschweigend erdulden wolle und müsse, daß es nach seiner Geburt auf den Armen seines Vaters im Rauch ersticke und die kleinen Gebeine des armen Würmleins, des armen Ururenkels der naschhaften Eva mit zu Asche verbrannt werde, weil ihm die böse sündige Welt seinen Tod sogleich zugleich an den Anfang seines Lebelchens gesetzet.
„Diese entsetzliche Bitte ist aber die allerungewährbarste und wird der Mutter hierdurch ehrenfest abgeschlagen, welches Ihr derselben in Person zu verkünden und zu ihr in Kerker zu gehen, hierdurch Vergunst haben sollt, um sie von der Sündhaftigkeit solcher Bitte zu überführen und wo möglich ihre Seele zu retten, wenn der Glaube die alberne Natur von ihr austreibt. Darum überwindet Euch zu dem Gange eines rechtschaffenen Vaters und halb nicht zu leugnenden Großvaters und Rathes!
„Denn wäre das Kind nicht eines, wenn auch noch so schönen, reichen und ehrlichen, wenn man so zu sagen sich herausnehmen dürfte: — aber doch Juden Kind, so hätte das Mal nichts mehr, als tausend andere Mal zu bedeuten: es wäre ein richtig eingeschriebener Himmelsbürger oder Bürgerin, und sie nur eine voreilige Mutter, die gegen Buße und Reue noch ein „vergebenes“ Weib sein könnte. Aber ein Judenkind von einer Christin ist die allergrößeste Blasphemie, eine geistige Unnatur, ein Kobold der Hölle, ein ver- und behextes Meisterstücklein des Teufels, ein sichtbarer Misbrauch der Kräfte Gottes mit Händen und Beinen, wogegen sogar ein pures Judenkind noch ein pures Engelein ist, verzeih’ uns die heilige Mutter Gottes!
„Drum muß diese Misgeburt mit verbrennen, und muß ihr im Leibe noch lebendig mit verbrennen, damit Natur und Mutterherz durch unbeschreibliche Angst sie zur Erkenntniß ihrer unverzeihlichen Sünde zur gnadenerwerbendsten Reue bringt, und aus den Flammen sie rein in den Himmel eingeht — wenn noch!
„Wir haben zwar hier wie in allen Städten am Rhein seit schon lange niemals ermangeln lassen, Hurde zu feiern, zu unserer Bezeigung; wie die vielen alten schwarzen Kohlen auf unserer Schädelstätte beweisen; aber in diesen neuesten und letzten Zeiten bedarf die Religion, wie eigentlich immer, einer tief und sichtbar eindringenden Erfrischung! Denn was die Augen sehen, das glaubt das Herz. Und so bleibt die Hurd festgestellt auf den Tag vor Carneval, zur Erfrischung der Seelen; und erfrischet auch Ihr Euch daran, wie wir Alle.
„Gegeben den 10. Hornung im Jahr seit Erschaffung der Welt im 5,161sten, oder nach der neu eingeführten Jahreszahl seit Geburt unsers Herrn im Jahre 1212.“