So blieb sie denn voll Wehmuth stehen, als er längst schon vorüber war. Sie ging nach Hause, das Garn in der Hand. Nun erst hatte sie keine Ruhe, nun verstand sie Johannes Reden, seinen stillen Unmuth; und die Worte, die sie ihm alle zum Abschied gesagt, fielen ihr schwer aufs Herz.

Um nun ihren Johannes zu erlösen, er sei, wo er sei, beschloß sie, den Herrn von Borromäus anzugehen, die alte Schuldverschreibung in der Hand. Denn der Gerichtshalter wohnte in der Stadt, und so weit konnte sie sich nicht mehr entfernen.

Der Schulmeister aber brachte ihr Nachricht, daß es mit dem seligen Herrn zu Ende gehe, daß ein neuer Gutsherr komme, der Breitenthal auf Schuld übernehme, ein reicher Kauf- und Handelsherr aus Frankfurt. Alle „exigibilen“ Reste wären im „Transsubstantiations“ Verkauf mit angenommen; die „inexigibilen“ aber wollte der selige Herr noch für sich eintreiben zu einem Ausgedinge, und es würden schon Ziegeln angefahren auf den Vogelheerd. Geld also bekommt Ihr nicht mehr, gute Christel, sagte er; ein Sterbender hat keine Furcht mehr, besonders wenn der Gerichtshalter die Schwuracten nicht aufgehoben haben — sollte! Wer hat danach zu fragen? — Das sahe Christel ein. Sie sah auch, daß sich Wecker zusammennahm, so verständig als möglich zu reden und zu sein; denn es war ihm eine Freistelle in einem ganz närrischen Hause versprochen worden, wie er umschrieb, die erst noch ausgewirkt werden sollte, damit das Dorf und der arme Mann zur Ruhe komme. Er durfte nicht mehr umherlaufen, singen und Schule halten; das Wecken besonders hatte der immer gern, aber Morgens am süßesten schlafende Pastor sehr übel genommen; desgleichen hatten es die anderen Herren Pastoren im Umkreis als eine vorwurfsschwere Anspielung sich verbeten; und so mußte der alte Mann in die weiteren Dörfer wandern, sein tägliches — Schulgeld holen, das er mit Thränen aß, und dabei Christel mit Stellen aus der Bibel bat, ihn nicht zu verstoßen in der Kälte.

Denn so lau und öfter lieblich es die wahren Wintermonate gewesen, ihrem Johannes im Kerker zu Liebe, dachte nun Christel — so stürmisch und kalt winterte es jetzt gegen Ostern nach, als wenn der Himmel den Menschen seine mährchenhaften Einfälle: von langsam rauchendem Dampf wie heimlich brennende Flüsse — hoch beschneite Berge — lange Eiszapfen an den Weinstöcken statt der Trauben — wie mit weißen Blüthen beschüttete Bäume im Walde — eingefrorene Fische — weißbereifte Bärte und Blumen an den Fensterscheiben zum ersten Male in aller Pracht und Schönheit zeigen und recht lange den Wintergarten sie genießen lassen wolle, damit sie sich satt daran sähen und wieder einmal merkten, daß die Erde allein des Herrn sei. Denn alle Raine, Zäune, Grenzen und Werke der Menschen in seiner Natur waren hoch mit Schnee bedeckt und trugen nur seine Farbe, als wäre das große alte Lehn erloschen; und so weit das Auge reichte, erschien nur eine weiße flimmernde Decke, und ein blauer feiernder Himmel, mit seiner Sonne; zum Zeichen, daß Alles nur Einem Herrn gehöre.

Daß Wecker wahr geredet, erfuhr Christel zu ihrem großen Leid. Denn die alte Frau im Hause, die wie Christel, so lange sie selbst es vor andern kleinen Arbeiten konnte, und ihre Umstände es erlaubten, von Spinnen lebte, hatte ihr die letzten Monate her nach und nach drei Thaler geliehen. Nun aber wurden die „inexigibilen“ Reste eingetrieben, wo freilich kein Ansehen der Person mehr galt; die Alte sollte also für ihren vor 20 Jahren schon begrabenen Mann 5 Thaler für Birkenruthen zu Besen entrichten, und das nun leider bei Todesstrafe der armen Ziege der Christel, die zur Ernährung der Kinder das Beste beitrug. Denn Christel mußte statt der geliehenen drei Thaler die gute Ziege geben, die Ziege mußte nun fort auf das Schloß geführt und geschlachtet werden, und dennoch langte das dafür gelöschte Geld nur hin, daß Christel die große Schuld abzahlte, wenn auch die alte Frau noch um Gnade bitten mußte. Aber selbst die Ziege stemmte sich zu gehen, und Christel und die Kinder weinten der alten Frau nach, die ihrer kaum Herr ward.

Dafür erhielt aber Christel zum Palmensonntag einen kleinen Braten von der jungen Ziege. Die Kinder wußten nicht, was sie aßen, Christel war in der That nicht wohl, schob den Teller hin, stand auf und Wecker ließ sich den „alten Rest von den Besen“ schmecken. Von der Ziege äße ich auch nicht, sagt’ er; aber welcher große Herr weiß denn immer, was er ißt? Was würden da manchmal, d. h. so manches liebes Mal und Mahl für Dinge auf dem Tische stehen! was für Getränke würde man auf den Inhaltszetteln an den Weinflaschen lesen! Von was würden die Braten und Torten sein, wenn Alles in rerum natura zu sehen wäre! — Hu! Phantasmata! daß mir die Haut schauert — wenn es nur schmeckt! Ein Schulmeister braucht es auch nicht zu wissen, was er ißt, geschweige wenn er keiner ist, wie ich. Birkenruthen sind bitter; nicht wahr, ihr Kinder? — und er lachte mit nassen Augen, als sie sagten: Ja! Herr Wecker — — und sein: „Das wollt’ ich nur wissen,“ konnte er das Mal vor Jammer nicht sagen. Aber er lehrte dafür: Es hat einmal einen uralten Weltweisen gegeben, — als welche auch Unterschiedliches gegessen haben sollen und müssen, wie Paulus Alles ohne Unterschied, was nur vom Himmel gehangen, — der hat in seinem unchristlichen Gedicht den Magen ein Unthier genannt. Das ist so wahr wie das heilige A. B. C.! Der Mann hat den Magen so gut gekannt als ich. Das will viel sagen, Kinder! Ein wirklich armer, wirklicher Schulmeister muß sich das von mir erst sagen lassen, der Gelbschnabel!

Die Kinder standen nun auf. Da Wecker aber noch nicht satt war, fing er statt des Dankgebetes mit lauter Stimme noch ein Mal sein Gebet um Speise, das: „Herr Gott, himmlischer Vater“ an, schämte sich wie ein Nachtwächter, der, wenn er den Tag abrufen und singen soll: Der Tag vertreibt die finstre Nacht — aber noch einmal abruft: Ruhet in dem Herrn! — legte sich hin und schlief sich wenigstens satt, wie ein armer Tagelöhner in der Mittagsstunde. Aber er schlief nicht so ruhig wie dieser im Schatten der Bäume, sondern er träumte; und so hörte Christel mit Furcht die Worte: „Blutbesudeltes Fleisch nun schmausten sie“ — — und wieder: „die Sonnenrinder brüllten an den Spießen — — und die Häute krochen umher“ — — — — — und mir — mir meckert die Ziege im Leibe — — sie will mir das Herz abstoßen, mein ehrliches Herz? Oder stößt sie nur mein Unthier, den Magen, der sie mitgegessen hat, ja, fast allein. Fort! hebe dich weg! — Hilf mir doch, hilf, Friedrich, mein Sohn! Friedrich, mein Sohn!

Er setzte sich vor Furcht im Schlafe auf. Auch die Kinder fürchteten sich und liefen zur Mutter, die ihnen sagte: Kinder, er schwatzt ja nur aus der Schule! und hat nur den Schlucken! ach im Traume gedenkt er seines Sohnes, der unter den Soldaten ist, wie mein armer Bruder Stephan. Ach! — Sie rief ihn erst leise, dann laut und lauter bei seinem Namen: Wecker! — Wecker! — Wecker! — wacht doch auf! Ihr träumt zum Fürchten und wißt es nicht! —

19.

Christel war in der Dämmerung im Dorfe gewesen, um die junge, arme, liebe, schöne, gnädige Frau noch ein Mal — auf ihrem Castrum doloris zu sehen und sich satt zu weinen, und kam jetzt heim. Die Stube war kalt, die Nacht war lang, die Kinder fror. Aber sie hatte das letzte Holz heut’ angelegt und verbraten, und dennoch ging sie hinaus, noch Etwas zu suchen. Es war Mondschein, und sie erblickte eine Menge schon kleingespaltenes Holz vor der Thür liegen. Das war nicht ihres. Aber sie bedurfte sein. Banden die Jünger den Esel nicht los? sprach sie bei sich; aß David nicht die Schaubrote? Das ist ja wirkliches Holz! und dennoch ging sie erst an der Stube der alten Frau Redemehr horchen. Alles still, doch die Kinder weinten! Sie eilte, sie drückte die Augen fest zu und ladete schnell einen Arm sich voll. Aber das trockene Fichtenholz klang doch, wenn sie Scheit auf Scheit legte, wie eine Strohfiedel; denn in der Angst zitterte sie, und es fiel ihr aus der wie brennenden Hand. Als sie die Augen aufschlug, hinein zu eilen ungesehen, erblickte sie die Alte, die zu ihr sagte: Wollt’ Ihr nicht lieber gleich Alles hinein tragen! Man ist doch niemals vor Dieben sicher in der Kälte! Ich will Euch helfen! —