Ja, sagte der alte Küster. Als ich den Thurm aufschließen ließ, war er schon da und riß mir die Schlüssel aus der Hand, trieb mich fort und sprang selber zu läuten. Er ließ sich’s nicht nehmen. Ich sah ihn gestern Abend im Wirthshaus. Er hat auch ein Pferd.
Gehabt! sagte der Prediger; denn das ist nun ertrunken. Wir wohnen Alle dort tief.
Das war wohl ein Schreckliches!
Ach, es ist noch ein Schreckliches! seufzte Christel und deutete stumm und die Augen voll Thränen nach ihrem Hause, auf dessen Dache eine weiße Gestalt saß neben der Leiter.
Wer von Euch ist das? fragte der Prediger.
Unsere Dorothee, die meine Frau mit aus dem Vaterhause geerbt, sagte Johannes ihm leiser. Jetzt will ich hin. Das Dach hat sich schon gewandt, denn die Morgensonne bescheint den Giebel, was sie in ihrem Leben nicht gethan! —
Fahrt mit Gott! sagte der Prediger. Aber wer wird Euch begleiten außer ihm? Die Männer sind fort nach allerhand Hülfe, oder retten noch; ich verstehe es nicht, das Ruderscheit zu führen, und gehe denn lieber aus nach Zufuhr ins nächste Dorf, daß Ihr wenigstens Brot und Wein bekommt. So ging er.
Christel küßte ihren Johannes; er küßte die Kinder, dann fuhr er allein zurück. Er mußte zuerst an der Kirche vorüber, worauf der Fremde jetzt stärker geläutet und nun hinab in das Fenster getreten. Johannes hätte müssen kein Herz haben, wenn er ihn nicht zuerst in den Kahn genommen. Und nach einigen kurzen Worten des Dankes half er nun selber hinüber rudern zum Hause, von dem das Mädchen ihn mehr geängstet als er sich selbst über seine Lage. — So oft sie die Arme ausstreckte, riß ich wieder an der Glocke! erzählte er Johannes. Sie legten an das Dach an, aber sie mußten ihr laut zurufen, herabzusteigen, so erstarrt und versonnen saß sie da oben. Ja es erschien dann, als sie gleichgültig die Männer ansah, sogar ein Trotz, eine Rache, eine wehmüthige Lust, umzukommen, in ihrem Gesicht. Sie ward über und über roth. Sie wähnte sich vernachlässigt, als eine arme vater- und mutterlose Waise! nicht vergessen vor Angst; und auch jetzt hatte Johannes zuerst den Fremden eingenommen, und nicht erst auf der Rückfahrt! So blieb sie, und auf wiederholten Zuruf schluchzte sie vollends vor Thränen und kehrte sich ab. — Laßt das arme Mädchen erst ausweinen und sich die Thränen trocknen, damit sie die Sprossen der Leiter nicht fehlt, sagte der Fremde mitleidsvoll. Sie hat nicht mehr an das Leben geglaubt; und nun schlägt ihr das Herz auf einmal zu voll.
Und so stieg er selbst hinauf und geleitete Dorotheen hinab. Sie schwieg während der Fahrt nach den Bergen und sahe zurück auf die Fläche des Wassers, während die Männer hinüber ruderten. Sie brach voll brauner Knospen schimmernde Zweige von den Obstbäumen, an denen sie hinfuhren, und warf sie in das Wasser, ohne sie anzusehen.
Am Ufer warf sie sich der weinenden Christel an die Brust und sagte: Nun seid Ihr so arm als ich!